Der Etappenhase Highlight vor der Haustür
Tour de France: Tragisch, tierisch, perlig
Wenn die Tour de France heute mal wieder Station in Deutschland macht, wird es für die einheimischen Radsportfans ein besonderer Tag - aber auch, und vor allem für die Fahrer. Die Deutschen im Feld hoffen auf den großen Auftritt, und selbst die internationalen Profis sind bei Etappenankünften im Land von Jan Ullrich und Erik Zabel immer wieder begeistert.Woran das liegt? Nirgendwo sonst stehen so viele Zuschauer an den Strecken der Flachetappen wie hier. In Saarbrücken vor zwei Jahren waren es nach Fahreraussagen in den Abfahrten sogar mehr, als jemals zuvor gesehen wurden. Und auch die Lautstärke der Anfeuerungen brauchte sich nicht hinter denen in einem Kultort wie L'Alpe d'Huez oder auf dem Tourmalet zu verstecken.Besonders schade ist es deshalb, dass das deutsche Sprintduell zwischen Zabel und Danilo Hondo nicht stattfinden kann. Der eine wurde nicht nominiert, der andere ist wegen Dopings gesperrt. Die Hoffungen der Fans ruhen nun auf Robert Förster. Der junge Gerolsteiner-Profi hat bei seiner ersten Tour bisher einen mehr als ordentlichen Eindruck hinterlassen. Und wenn er auch in den vergangen Tagen bei kritischen Situationen zurückgezogen hat - im eigenen Land wird wohl auch er noch ein kleines bisschen mehr riskieren. Das gilt auch für Fahrer wie Jens Voigt, Jörg Ludewig oder Jörg Jaksche, selbst wenn die Etappencharakteristik heute eher den Sprintern entgegenkommt. Jeder Deutsche wird versuchen, das Rennen zu animieren, zu bestimmen, zu beeinflussen. Sie wissen genau, dass im Ziel oder spätestens im Hotel gute Freunde warten, die Familie besucht ihre Helden, und da ist ein aktiv gestaltetes Rennen ein schönes Geschenk. Deshalb erwarte ich besonders von Gerolsteiner und T-Mobile, dass sie alles für ein echtes, deutsches Fest tun.Doch die Präsentation im Heimatland hat auch ihre Nachteile. Egal, welche Nation in einer möglichen Spitzengruppe vertreten ist - alle werden besonders auf die hoch motivierten Deutschen achten. Nun mag man denken, bei der Tour seien doch immer alle gleich motiviert. Das ist zwar richtig, aber in dieser speziellen Situation, dem Heimspiel, pokert man eben etwas höher. Alles oder nichts, heißt es dann im Zweifel. Und wenn einer enteilt, wird man sicher den einen oder anderen deutscher Rennfahrer sehen, der den Hintern hebt, um den Enteilten wieder einzuholen. Viele deutsche Fans, die sonst mit dem Wohnmobil zum Galibier fahren, können derlei Spektakel zur Abwechslung mal direkt vom Straßenrand aus bewundern. Sie feiern Grillpartys, packen die Fahnen aus, die sonst bei Michael Schumacher oder den Heimspielen der deutschen Nationalmannschaft die Gärten schmücken und freuen sich auf die Tour. Die Anhänger müssen keine Arena aufsuchen, um das größte Radrennen der Welt zu sehen - die Tour kommt ganz umsonst eben mal vorbei. Das Highlight vor der Haustür sozusagen. Schwierig wird das Unterfangen Tour in Deutschland hingegen für die Betreuer der ausländischen Teams. Die Masseure und Mechaniker, die die Hotels buchen und alles organisieren, beherrschen zwar die Basics der französischen Sprache, die man braucht, um in der Radsportwelt zu überleben. Aber Deutsch ist dort eher Fehlanzeige. Deshalb wird unter den Betreuern auch keine Trauer ausbrechen, wenn es am Sonntag wieder zurück nach Frankreich geht. Bis morgen, Ihr Marcel Wüst P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen. Meine Antworten werden an den beiden Ruhetagen der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Der erste ist Montag, der 11. Juli, eine Woche später folgt der zweite.