Der Etappenhase: Hoffen auf Gegenwind - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Hoffen auf Gegenwind

Vor dem Start des entscheidenden Zeitfahrens knistert es zwischen den Kontrahenten Lance Armstrong und Jan Ullrich. Um herauszufinden, wer am Ende die Nase vorne haben könnte, hat sich der Etappenhase persönlich aufs Rad geschwungen und die Strecke exklusiv für SPIEGEL-ONLINE-Leser Probe gefahren.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute schlägt die Stunde der Wahrheit, da die Entscheidung um den Tour-Sieg unmittelbar bevorsteht. Das Zeitfahren von Pornic nach Nantes wird mit Sicherheit eine Etappe sein, die weltweit mit Rieseninteresse verfolgt wird. Deshalb habe ich die Strecke vorab genau unter die Lupe genommen. Jeden einzelnen der 49 Kilometer bin ich persönlich abgefahren - mit dem Rad, versteht sich. Denn nur dann kann man alle noch so kleinen Details wahrnehmen, die am Ende über Sieg und Niederlage entscheiden. Wem könnte dieser letzte Kampf gegen die Uhr mehr liegen? Ullrich oder Armstrong?

Das Wichtigste vorweg: Bei meinem Ausritt habe ich festgestellt, dass der Wind auf der ziemlich genau von West nach Ost führenden Strecke mit größter Wahrscheinlichkeit von hinten blasen wird - und das nicht zu knapp! Diese Windrichtung ist entscheidend, weil sie eher gegen Ullrich spricht. Jan ist ein kraftvoller Fahrer, der besonders auf langen Geraden mit Gegenwind seine Stärken ausspielen kann. Mit Rückenwind kann er gegen Armstrong weniger rausholen. Und immerhin muss er ja über eine Minute gut machen. Dass die Straße die ganze Zeit lang tellerflach verläuft, wird mein erster Pluspunkt für Ullrich. Er zog ja im direkten Vergleich bergauf bei der letzten Pyrenäenetappe den Kürzeren. Er ist halt ein Powertyp und das macht ihn auf flachen Kursen verdammt schnell.

Spannend wird sein, wer von beiden eher seinen Rhythmus findet. Die Strecke führt die ersten zwei Drittel fast ausschließlich über die "route départementale" D 751 und ist bis auf einen kleinen Abstecher bei Kilometer 12 in der Anfangsphase fast kurvenfrei. Ich konnte da sehr schnell den hohen Gang ins Laufen bringen. Man sollte sich heute aber nicht davon beeindrucken lassen, wenn der Tritt von Armstrong auf den Fernsehbildern schneller und flüssiger aussieht. Er ist ein Fahrer, der einen kleineren Gang mit höherer Frequenz tritt. Damit muss er aber nicht unbedingt schneller sein als Ullrich. Der gewinnt durch die kraftvollere Übersetzung pro Pedalumdrehung circa 30 Zentimeter mehr an Boden.

Gerade bei einem solchen Hochgeschwindigkeitszeitfahren ist die Aerodynamik wichtig. Ich erinnere mich an Miguel Indurain, der bei der Tour 1995 zum letzten Zeitfahren mit einer bis dato noch nie gesehenen kosmischen Rennmaschine an den Start ging. Ob Ullrich und Armstrong auf Altbewährtes setzen oder speziell für dieses Zeitfahren ein neues Rad nehmen werden, weiß ich natürlich nicht. Es ist allerdings klar, dass wir keine neue Wunderwaffe erwarten brauchen. Der Weltradsportverband UCI hat den immer abenteuerlicher werdenden Kreationen der Hersteller durch ein neues Reglement ein für alle Mal den Garaus gemacht. Außerdem hat Armstrong selber schon gesagt, dass er entwicklungstechnisch am Ende der Fahnenstange angekommen sei. Eigentlich schade, wenn man bedenkt, dass der von Greg LeMond benutzte Triathlonlenker ihm den Tour-Sieg 1989 bescherte und sich das Teil danach schnell in der gesamten Radsportwelt etablierte.

Etwas zur mentalen Verfassung der Kontrahenten zu sagen, ist natürlich schwer. Aber hier sehe ich vielleicht einen kleinen Vorteil für Jan Ullrich. Er hat Armstrong die erste wirklich bittere Zeitfahrniederlage bei der Tour de France beigebracht. Die zehn Sekunden gegen Botero im vergangenen Jahr haben Lance nicht besonders beeindruckt. Aber mehr als eineinhalb Minuten auf den ärgsten Konkurrenten in seiner Paradedisziplin aufgebrummt zu bekommen, damit hat er sicher nicht gerechnet. Jan Ullrich hat auf der Jubiläums-Rundfahrt bewiesen, dass er wieder da ist. Ob Jan noch dran zu knabbern hat, dass ein wieder erstarkter Armstrong ihm bei der letzten Bergankunft dann doch wieder Zeit abnehmen konnte, obwohl er alles gab und am Limit fuhr, ist schwer zu sagen. Doch in den Bergen war er eigentlich immer schwächer als Armstrong. Auf der Seite des Texaners ist noch etwas zu bemerken: Es heißt nicht umsonst, das Gelbe Trikot verleihe Flügel - diese Flügel hat Armstrong heute beim Zeitfahren auf seiner Seite.

Alles in allem finde ich, dass es ausgeglichener kaum zugehen kann. Hochspannung ist also garantiert! Der heutige Tag beschäftigt hier auf der Tour de France alle Gemüter. Was mich dazu tendieren lässt, dass es Ullrich schwer haben wird, ist vor allem die Tatsache, dass viele der Fahrer im Feld sagen, Armstrong sei wieder derselbe wie früher. Er fahre noch locker, wenn andere schon kämpfen müssen und der Gesamteindruck sei einfach sehr stark. Anscheinend hat der Amerikaner seine gesundheitlichen Probleme, die ihn Mitte der Tour plagten, überstanden. Jan Ullrich bleibt eigentlich nur eins: Alles zu geben, und wenn es nicht für den Toursieg reicht, dann womöglich zum zweiten Etappensieg. Das wäre ein Ergebnis, von dem er Anfang des Jahres nicht zu träumen gewagt hätte.

Bis morgen, auf den Champs Elysees!!!

Marcel Wüst