Der Etappenhase: "Hot Chili" ist angesagt - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase "Hot Chili" ist angesagt

Durch Jan Ullrichs Triumph beim Zeitfahren sind die Karten bei der diesjährigen Tour neu gemischt worden. Auch die Experten debattierten nach der zwölften Etappe über den weiteren Verlauf der Tour: Hält Ullrichs tolle Form? Wie gut erholt sich Armstrong von diesem Schock? Welche Rolle spielt Winokurow?
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern hat Jan Ullrich seine persönliche Geschichte neu geschrieben. Nachdem er in den Alpen und beim Mannschaftszeitfahren den Rückstand minimieren konnte, hat er der Jubiläumstour eine neue Richtung gegeben. Wie in seinen besten Zeiten versenkte er seine Gegner beim Zeitfahren - neu war nur, dass zu den Versenkten auch Lance Armstrong gehörte. Vor den drei schweren Pyrenäen-Etappen gibt es nun eine Ausgangssituation, die niemand so erwartet hätte. Drei Fahrer trennen weniger als eine Minute, und was das für die weitere Tour bedeuten könnte, dazu heute etwas mehr.

Was wäre denn, wenn es Ullrich in den Pyrenäen gelingen würde, alle Attacken von Armstrong zu kontern? Dass er sich nicht wie in Alpe d'Huez vom brutalen Tempo der Armstronghelfer überraschen lässt, sondern bei jeder Tempoverschärfung an Armstrongs Hinterrad klebt. Nachdem was man heute gesehen hat, könnte eine solche Taktik Ullrichs Geheimrezept sein, um diese Tour de France zu gewinnen. Denn das letzte Zeitfahren ist sogar noch etwas länger als gestern, und wenn Ullrich diese Leistung in einer Woche wiederholen kann, dann hätte er die Tour in der Tasche.

Natürlich weiß auch Armstrong, was die Stunde geschlagen hat, und er wird mit seinem Team alles versuchen, sich einen größeren Vorsprung zu verschaffen, um nicht bei einer erneuten Niederlage im Zeitfahren die Tour zu verlieren.

Der dritte im Bunde, Alexander Winokourow vom Team Telekom, könnte möglicherweise mit seinen kraftvollen Anritten in den Bergen von der Rivalität der beiden profitieren. Wenn "Wino" angreift, sagt Ullrich sich womöglich, "Lance ist in Gelb, Lance muss ihm nachsetzen." Und Armstrong stellt plötzlich fest, "der ist Ullrich ja viel gefährlicher als mir, also muss Bianchi etwas tun." So kann es sein, dass es da noch die eine oder andere Überraschung gibt.

Im Besonderen wird man natürlich auf die "Amigos" aus dem Baskenland aufpassen müssen. In den Pyrenäen waren die Euskaltel-Fahrer um Iban Mayo und Haimar Zubeldia in den vergangenen Jahren immer besonders stark. Gerade die Etappe am Sonntag bietet ein ideales Terrain für frühe Angriffe. Da jedoch alle Spanier im Zeitfahren große Rückstände kassiert haben, kann man wohl davon ausgehen, dass es sich bei den 49 Zeitfahr-Kilometern am Vorabend der Zielankunft in Paris ähnlich verhalten wird. So scheint von dieser Seite keine wirkliche Gefahr für Armstrong und Ullrich zu bestehen. Aber das schöne am Radsport ist seine Unberechenbarkeit.

Wenn alles normal läuft, wird Jan Ullrich sich in den Pyrenäen im Vergleich zu den Alpen noch steigern können. Ullrich war ja immer ein Fahrer, der im Verlaufe einer großen Rundfahrt zum Ende hin eher besser als schlechter wurde. Schwer einzuschätzen ist für mich allerdings die Tatsache, dass er nach einer Rennpause von vierzehn Monaten erst im April ins Wettkampfgeschehen eingreifen konnte. Er fuhr eine Frühjahrssaison, die so gut war wie noch nie, und befindet sich seit seinem Comeback stetig auf dem Weg nach oben. Natürlich ist es möglich, dass gerade diese lange Wettkampfpause ihm nun zugute kommt, da sein Körper komplett ausgeruht in die neue Saison starten konnte. Auch Übergewicht und gesundheitliche Rückschläge blieben ihm erspart, also sollte man meinen, es geht weiter nach oben.

Aus rein trainingsmethodischer Sicht ist allerdings auch das möglich, was die Franzosen gelinde le jour sans (den Tag ohne), also einen rabenschwarzen Tag nennen. Eine Formkurve geht im Normalfall, falls man alles richtig macht, stetig nach oben. Die ein oder andere "Delle" ist allerdings auch dann nicht ungewöhnlich. Wir alle wünschen uns natürlich nichts sehnlicher, dass diese Delle frühestens am Montag nach dem Ende der Tour Ullrichs Formkurve trifft.

Auch bei Winokourow fragt man sich, wie er denn, nachdem er schon bei "Paris-Nizza", im "Amstel Gold Race" und bei der "Tour de Suisse" siegreich war, in der letzten Tourwoche drauf sein wird. Die Form über eine so lange Zeit konstant zu halten, war in der Vergangenheit niemandem wirklich gelungen.

Lance Armstrong, so hört man es per Insiderbuschtrommel, plagen derzeit Magenprobleme. Den kaum zu erwartenden Leistungsknick des Champs aus Texas könnte man damit gut erklären, zumal es ja in den vergangenen Wochen viele Tourteilnehmer auf diese Art und Weise erwischte.

Eins ist nach der zwölften Etappe klarer als je zuvor: Ullrich war stärker, als alle dachten. Die große Überraschung war eigentlich nicht, dass er den baskischen Bergfahrern so viel Zeit abnahm. Vielmehr hat niemand die Schwäche von Armstrong in seiner Paradedisziplin in dieser Form erwartet. Und genau das ist die Würze der nächsten drei Tage: Nicht Pfeffer und Salz wird benötigt, Hot Chili ist angesagt!!!

Bis morgen,

Marcel Wüst