Der Etappenhase Jörg Jaksche - bedingt gefährlich
Auf der Tour gibt es ja auch nicht nur die Mitglieder der deutschen Teams Bianchi, Gerolsteiner und Telekom. Mit Grischa Niermann, Jens Voigt, Jörg Ludewig und vor allem Jaksche, die allesamt im Ausland ihre Brötchen verdienen, zeigen die "Gastarbeiter" auf der Tour de France viel Präsenz.
Alle sind sie als Helfer mit kleinen persönlichen Freiheiten verpflichtet worden, und die Freiheiten von Jaksche waren es gestern, die ihn zeitweise die Tour umkrempeln ließen: Als er in die Spitzengruppe hinein fuhr, kam bei seinen Mitausreißern zunächst mal Unmut auf. Alle anderen in der Gruppe hatten schon großen Rückstand auf das Gelbe Trikot, und wäre Jaksche nicht mit dabei gewesen, hätte sich nicht nur das US Postal Team einen etwas ruhigeren Tag machen können, sondern auch die Spitzengruppe wäre von Anfang an sicher gewesen, dass sie den Etappensieg unter sich ausmacht.
In der jetzigen Phase der Tour laufen parallel zwei Rennen: Zum einen geht es um den Etappensieg, zum anderen muss jeder, der sich Hoffnungen auf die Podiumsplätze in Paris macht, zusammen mit seinem Team akribisch beobachten, wie groß die Zeitabstände aller Ausreißer sind, um so nicht ins Hintertreffen zu geraten. Wäre Jaksche nicht dabei gewesen hätten Armstrongs Helfer den Etappensieg "verschenkt", um sich nicht vor den Pyrenäen zu sehr zu verausgaben. Dass der Champion aus Texas Jaksche nicht ziehen ließ, spricht auch dafür, dass er ihn zumindest als bedingt gefährlich einstuft. Ein größeres Kompliment kann es eigentlich für niemanden geben, und der Ansbacher hat sich das durch die guten Ergebnisse in der Vergangenheit redlich verdient.
-
1 Min
-
3 Min
-
1 Min
-
1 Min
-
1 Min
-
1 Min
-
1 Min
-
1 Min
Jaksche begann seine Karriere bei Polti in Italien und landete schließlich nach einem kurzen Gastspiel bei Telekom im spanischen Team Once. Sein sportlicher Leiter Manolo Saiz hat in der Radsportwelt durch seinen kompromisslose Professionalität und auch die Konsequenz, mit der er sein Team führt, schon fast Kultstatus erreicht. Nachdem Jaksche bei Saiz anheuerte, hat seine Karriere erst richtig begonnen, und nach den Alpen bei der Tour de France so weit vorne zu liegen ist wohl auch für ihn eine Überraschung.
Da Once als Hauptsponsor angekündigt hat sich am Ende des nächsten Jahres zurückzuziehen, wäre ein Gelbes Trikot natürlich auch ein willkommenes Bonbon gewesen, mit dem man vielleicht den einen oder anderen Sponsor noch mit ins Boot hätte ziehen können.
Niemand wollte Jaksche helfen
Was Jaksche bei der gestrigen Etappe durch den Kopf ging, muss unbeschreiblich aufwühlend gewesen sein: Er wusste genau, dass es theoretisch eine Möglichkeit gab, das Gelbe Trikot zu bekommen, musste dann aber feststellen, dass niemandem in der Gruppe daran lag, ihm dabei zu helfen. Zwar hatten alle Interesse daran, dass die Gruppe so lange wie möglich zusammen blieb, aber Jaksche womöglich an den eigenen Kapitänen vorbei zum Gelben Trikot fahren zu lassen, entsprach nicht den Taktikplänen der Teamchefs.
Jaksche muss mentale Höllenqualen durchlitten haben. Eine Situation wie die gestrige gibt es im Normalfall nur einmal in der Karriere eines Radprofis: Das Gelbe Trikot vor Augen hindern ihn die anderen Fahrer in seiner Gruppe daran, dieses begehrteste aller Shirts im Radsport zu tragen. Da können dann schon mal unterschwellige Hassgefühle hoch kommen. Der Fahrer steht dieser Situation total machtlos gegenüber, kann überhaupt nichts daran ändern. Soll er im langen Tal die Führungsarbeit übernehmen? Dann werden ihn die anderen an den letzten Bergen vor dem Ziel überholen.
Wenn er sich aber zurückhält und dann erst am Berg angreift, hat er im flachen Teil der Etappe so viel Zeit verloren, dass das Gelbe Trikot in unerreichbare Ferne rückt. Wenn er auf der heutigen Etappe neben Armstrong fährt, wird er immer wieder daran denken, wie nah er diesem Traum war und sicher auch, wie nah Freud und Leid bei der Tour de France zusammen liegen.
Sein Teamkollege Joseba Beloki wurde durch seinen tragischen Sturz vom Mitfavoriten der Tour und Armstrongs stärkstem Gegner zum prominentesten Patienten des Krankenhauses von Gap. Diese Tatsache wird Jaksche auch beim Analysieren der gestrigen Etappe den Ärger über das nicht errungene Gelbe Trikot relativieren lassen.
Bis morgen
Marcel Wüst