"Der Etappenhase" Kämpfen bis zum Umfallen
Es ist nichts wirklich Neues passiert. Hätten nicht vorne einige Fahrer einer Ausreißergruppe einen kleinen Vorsprung ins Ziel retten können, wäre es Lance Armstrongs dritter Streich in Folge gewesen. Natürlich hoffen die deutschen Radsportfans noch immer auf einen eventuellen Einbruch des zweimaligen Tour-Siegers. Jan Ullrich soll das Blatt doch noch zu seinen Gunsten wenden. Ich bin mir aber sicher, dass so etwas nicht passieren wird. Wenn Armstrong nicht stürzt, wird er wieder in Gelb nach Paris fahren. Zum dritten Mal am Stück.
Nach Paris zu fahren, ist ohnehin der größte Traum eines jeden Radprofis. Doch nicht immer wird er wahr, wie am Freitag auch mein als Mitfavorit ins Rennen gegangener Teamkollege Christophe Moreau erfahren musste. Er war gesundheitlich etwas angeschlagen, nahm seit einigen Tagen Antibiotika und fühlte sich auch leicht fiebrig. Bei einem Bürojob könnte man einen oder zwei Tage zu Hause bleiben. Aber er startete doch: Moreau kam der Traum, in Paris aufs Podium zu fahren, durchaus realistisch vor.
Ein Sturz, kaum Luft, das Ende
Dann stürzte er am ersten Berg der Etappe vom Freitag. Bei der anschließenden Aufholjagd durch die Pyrenäen war es dann soweit. Der Körper sagte: "Das war's." Kraftlos war Moreau, er bekam keine Luft. Doch hinter dem Feld herzufahren, ohne Aussicht, das Peloton je wieder einzuholen, hatte er sich nicht vorgestellt. Also tat Moreau das, was einem Radprofi so weh tut wie nichts Anderes: Er gab die Tour de France auf.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, die Tour nicht zu beenden. 1992 brach ich mir auf der ersten Etappe meines Tour-Debüts bei einem Sturz das Schlüsselbein. Unabänderlich war das, was dann kam. Trikot aufschneiden, ab zur Ambulanz. Da brach es dann aus mir heraus: Tränen ohne Ende, war doch mein Kindertraum, die Tour zu fahren, wahr geworden - und dann kommt das Ende schon am ersten Tag.
Ich kenne keinen Fahrer, der eine Tour einfach wegschmeißt. Es wird gekämpft bis zum Umfallen - und noch weiter, so weit, dass es gesünder wäre, doch vom Rad zu steigen. Ich weiß, wovon ich rede. Im letzten Jahr bekam ich am Ruhetag Fieber. Unser Teamarzt verbot mit die Weiterfahrt. Eigentlich hätte ich schon drei Tage früher das Handtuch schmeißen müssen. Aber solange man glaubt, seine Gesundheit nicht wirklich zu gefährden, quält man sich durch. Tag für Tag, Etappe für Etappe, wenn man Glück hat bis nach Paris.
Die Ankunft in der französischen Hauptstadt ist eine grandiose Entschädigung. Für die Fahrt über die Champs Elysees nimmt man die Qualen gerne auf sich. Nur wenn der Körper partout nicht mehr will, ist es endgültig vorbei - denn der Geist will immer.
Ihr und Euer Marcel Wüst