Der Etappenhase Koffeinkick und Kurvenknick
Jetzt ist es bei mir so weit, dass sich im Verlaufe der Tour die Tage so sehr ähneln, dass man gar nicht mehr weiß, welcher Wochentag, geschweige denn welches Datum heute ist. Deshalb kommt die Beantwortung Ihrer Fragen nicht am Ruhetag ins Netz, sondern erst heute. Zunächst mal möchte ich mich für die vielen Zuschriften bedanken und mich zugleich dafür entschuldigen, dass ich nicht alle Fragen beantworten kann. Täglich mehr als 40 E-Mails an Etappenhase2003@aol.com sprengen den Rahmen meiner Kolumne.
Jetzt geht's aber los. Kaffee und Cola enthalten zwar Koffein, das auf der Dopingliste steht. Allerdings gibt es einen Grenzwert, der nicht überschritten werden darf, so dass man während der Etappe schon vier bis fünf Tassen starken Kaffee trinken müsste, um positiv getestet zu werden. Das Cola-Getränke durch das Koffein entwässernd wirken und somit auch andere Abläufe im Körper beeinflussen, mag stimmen. Aber was gibt es Besseres, als 20 Kilometer vor dem Ziel bei über 30 Grad Celsius eine eiskalte Coke zu trinken, sofern es der Magen verträgt.
Löwen-Power bei der Tour
Wo wir gerade beim Thema Flüssigkeiten sind. Die von den Organisationsmotorrädern gereichten Getränke sind zwar in Cola-Flaschen gefüllt, doch es handelt sich ausschließlich um Wasser ohne jede Zusätze. So kann der Fahrer das Wasser auch dazu benutzen, sich etwas zur Abkühlung in den Nacken oder über den Kopf zu schütten, ohne dass alles verklebt.
Für den Träger des Gelben Trikots gibt es täglich einen neuen Sponsor-Löwen von Crédit Lyonnais. Die Führenden in der Mannschaftswertung erhalten eine kleine Ausführung. Die kuscheligen Raubtiere sind natürlich begehrte Souvenirs. Man verschenkt den ersten, den man jemals bekommen hat, sicher nie. Ansonsten gibt man schon einmal den einen oder anderen ab, es sei denn, man hat sechs Kinder zu Hause und braucht für jedes einen.
Seit Einführung der Helmpflicht werden die früher das Bild dominierenden Radmützchen natürlich viel weniger getragen. Allerdings ziehen viele Fahrer diese bei Schlechtwetter-Etappen gerne unter den Helm. Zum einen halten die Caps etwas warm, zum anderen schützt der kleine Schirm vor Spritzwasser, ohne die Sicht einzuschränken. Der vormalige Teamverbrauch von rund 6000 pro Jahr wird aber drastisch gesunken sein.
Die Reifen werden bei normalen Etappen mit rund acht bar aufgepumpt. Die Auflagefläche dürfte ungefähr 0,75 Quadratzentimeter groß sein. Je nach Gewicht des Fahrers und dem jeweiligen Luftdruck variiert dies natürlich etwas. Die meisten Teams fahren weiterhin den klassischen Schlauchreifen, das heißt einen Reifen, in den der Schlauch fest eingenäht ist und der mit der Felge verklebt wird. Sollte es zu einem Defekt etwa bei einer kurvigen Abfahrt kommen, dann bleibt ein Schlauchreifen auf der Felge und das Rad mehr oder weniger beherrschbar.
Sponsor diktiert die Reifenwahl
Ein Drahtreifen wird dann immer von der Felge springen und es kommt unweigerlich zum Sturz. Die früher angeführten Vorteile der Schlauchreifen wie geringeres Gewicht und bessere Rolleigenschaften sind heute zwar kleiner, aber ein Gewichtsvorteil von rund 150 Gramm und die angesprochene Beherrschbarkeit in Grenzsituationen machen den Schlauchreifen weiterhin zum Favoriten der Fahrer. Wenn allerdings der Sponsor eine bestimmte Vorliebe hat, bleibt die freie Auswahl komplett auf der Strecke.
Warum der sportliche Leiter eines Teams so heißt und nicht Trainer oder Coach? Nun ja, er leitet nun einmal die sportlichen Belange im Team. Das geht von Taktik über die Auswahl des Materials bis hin zur Organisation der sportlichen Abläufe, etwa welcher Fahrer wann zum Start fährt und in welchem Fahrzeug. Außerdem bestimmt der sportliche Leiter in Rücksprache mit dem Fahrer das Rennprogramm. Aber er ist eben kein Trainer im klassischen Sinne, also jemand, der den Fahrern sagt, wie sie zu Hause trainieren müssen. Dafür gibt es den Trainer.
Kein Extra-Trikot für Jan Ullrich
Eigentlich haben alle Fahrer, die, in welcher Disziplin auch immer, schon einmal Weltmeister waren, an Kragen und Ärmel die kleinen "Regenbogenstreifen". Dass Jan Ullrich sie nicht auf seinem Zeitfahranzug hatte, war mir gar nicht aufgefallen. Da aber das Team Bianchi viele Dinge auf den letzten Drücker erledigen musste, hatte der Hersteller sicher nicht die benötigte Zeit, extra für Ullrich ein spezielles Dress für den Kampf gegen die Uhr anzufertigen.
Zu den Informationen, die die Reporter am Mikrofon oftmals aus den Ärmeln zaubern, gibt es auch etwas zu sagen. Es ist natürlich extrem schwierig, eine viele Stunden lange Flachetappe zu kommentieren, wenn drei junge Nobodys zehn Minuten Vorsprung haben und im Feld eigentlich gar nichts passiert. Die Société du Tour gibt allen Journalisten eine kleine Broschüre, in der Wissenswertes über all die Dinge steht, die im Streckenverlauf ins Bild kommen könnten. Alles andere wurde allerdings - da ist mein ARD-Kollege Herbert Watterott sicher die Nummer eins - in mühevoller Kleinarbeit gesammelt und archiviert. Allerdings darf es zu keiner Zettelwirtschaft ausarten, denn in der engen Kommentatorenkabine ist kein Platz für ein Riesenarchiv.
Bis morgen
Marcel Wüst