Der Etappenhase: "Man braucht einen unbändigen Willen" - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase "Man braucht einen unbändigen Willen"

Auf den ersten Etappen dieser Tour sind sie wieder unterweges, die Ausreißer, Baroudeure genannt. Sie hetzen dem Feld voran, einzeln, in Zweier- oder in Dreiergrüppchen. Ihr Ziel: Tagessieg. Jacky Vogtioli aus dem virtuellen Team von SPIEGEL ONLINE beschreibt die Besonderheiten dieser Spezies.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE

: Jacky Voigtioli, welche Qualitäten muss ein Baroudeur haben?

Jacky Vogtioli: Kraft, Ausdauer und einen unbändigen Willen. Besonders bei der Tour ist das Tempo so hoch. Wer hier als Ausreißer nicht an seine Grenzen geht, wird nie einen guten Vorsprung herausfahren. In der ersten Tourwoche sind ja oft die Sprinterteams dafür verantwortlich, dass wir keinen Tagessieg schaffen. Die lassen uns kilometerlang dem Feld voranfahren, um dann kurz vor dem Ziel mit aller Macht aufzuschließen, damit ihr Topsprinter die Etappe gewinnt. Aber in der letzten Woche, wenn die Abstände im Gesamtklassement groß und die Beine der Gegner müde sind, dann sind unsere Chancen gut. Es tut zwar höllisch weh wenn man angreift, aber den anderen geht es ja auch nicht besser. Da muss man leiden können.

SPIEGEL ONLINE: Wann wissen Sie, dass der Vorsprung groß genug ist, um zu gewinnen?

Jacky Vogtioli: Wenn ich zehn Kilometer vor dem Ziel noch zwei Minuten Vorsprung habe, kann das reichen. Aber wenn meine Flucht schon 180 Kilometer andauert, der Kurs sehr wellig ist und dazu noch Gegenwind bläst, dann kann es sein, dass das Feld mich noch kurz vor der Linie schluckt. Wenn das der Fall ist, ist es schwer, mit den anderen wenigstens noch mitzuhalten, denn der eigene Akku ist bereits leer.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange müssen Sie sich dann von so einer Einzelfahrt erholen?

Jacky Vogtioli: Manchmal braucht man sehr lange. Ein großer Baroudeur versteckt sich dann zwei Tage im Feld, ist am dritten wieder voll da und greift abermals an.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange fahren Sie während eines Ausreißversuchs mit maximalem Tempo?

Jacky Vogtioli: Bis sich der Abstand stabilisiert. Wenn es noch 150 Kilometer bis ins Ziel sind, dann musst du dir den Tag gut einteilen. Im Idealfall fährt man bei achtzig Prozent, um für das Finale noch Reserven zu haben. Man versucht, das Feld in die Irre zu führen. Wird nämlich der eigene Vorsprung schnell zu groß, dann reagiert das Peloton sofort. Man muss also den Abstand ausbalancieren, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Ziel ist, dass sich das Feld verrechnet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihnen lieber, ein schweres Finale oder eher flaches Terrain?

Jacky Vogtioli: Wenn ich in Form bin, dann mag ich natürlich kleinere Berge und viele Kurven. Denn auf so einem Kurs haben es die Verfolger schwerer. Wenn hinten zehn Fahrer auf einem Flachstück Vollgas fahren, dann verliert man schnell zehn bis 15 Sekunden pro Kilometer.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Absprachen unter den Baroudeuren?

Jacky Vogtioli: Man redet hin und wieder miteinander - aber eigentlich bringt das nichts, denn wir müssen uns darauf konzentrieren, schnell zu fahren. Wenn nämlich die drei, vier gefährlichsten Angreifer in einer Gruppe lospreschen, dann reagiert das Feld sofort, dann kommt richtig Panik auf. Denn wenn wir weg sind, dann muss der Rest den ganzen Tag hohes Tempo fahren.

Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen.  Meine Antworten werden an den beiden Ruhetagen der 92. Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Der erste ist Montag, der 11. Juli, eine Woche später folgt der zweite. Ich freue mich auf drei spannende Wochen - bis morgen.