"Der Etappenhase": Merci, das war's - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Merci, das war's

Die letzte Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Warum man vor Lance und "Ulle" den Hut ziehen muss.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie man sich als Radprofi am Ende von drei Wochen Tour de France fühlt, wusste ich ja schon: Man will vom Radfahren erst mal gar nichts mehr wissen. Dass es einem als "Etappenhase" allerdings genauso geht, hätte ich nicht gedacht. Um ganz ehrlich zu sein (und verraten Sie das bloß nicht den Leuten von SPIEGEL ONLINE), bin ich nämlich heilfroh, meinen Computer nicht mehr aufklappen zu müssen. Drei Wochen am Stück waren für einen Journalisten-Rookie, wie ich es nun einmal bin, genauso lang wie die Tour für einen Neuprofi.

Natürlich könnte diese Kolumne hier jetzt enden, aber ich möchte mich auf meiner letzten "Etappe" noch einmal einem Thema widmen, das Leser und Experten im Verlaufe der Tour gleichermaßen beschäftigt hat: die Taktik von Team Telekom.

Fast alles richtig gemacht

Meiner Ansicht nach hat Telekom im Verlauf der Tour (fast) alles richtig gemacht. Sie fuhren in den Bergen für Ullrich, und in der letzten Woche hatte Erik Zabel es seinem Team zu verdanken, dass er überhaupt noch ins Grüne Trikot fahren konnte. In drei Wochen haben Ullrich & Co nur einen Fehler begangen: Auf der ersten Alpenetappe fielen sie auf Lance Armstrongs oscarreife Darbietung vom leidenden Radprofi rein. Weil Lance "schlecht" aussah, ging die komplette Equipe von Jan Ullrich an diesem Tag nach vorne und machte Tempo. Mit einer einzigen Attacke von Jan aber hätte man mehr gewusst. Kommt Armstrong schnell ans Hinterrad, blufft er, und man muss nicht fahren. Hat er Probleme zu folgen, dann heißt es "alles oder nichts", und man muss Armstrongs Schwäche ausnutzen.

Abgesehen von dieser Situation war es ein Duell Mann gegen Mann und nicht Team gegen Team, vor allem, weil Lance an den Schlussanstiegen immer dominiert hat. Deshalb habe ich die ganze Diskussion über Taktik bei Telekom ehrlich gesagt auch nicht so ganz nachvollziehen können. Wir haben einen Toursieger, der das Beste verkörpert, das es derzeit im Profiradsport gibt: Lance Armstrong. Man kann es wirklich nicht oft genug sagen: Er ist der Beste!

"Ulle" muss sich mit der Realität abfinden

Armstrong hat den Kampf gegen den Krebs gewonnen - im Gegensatz dazu ist die "Große Schleife" durch Frankreich ein Kindergeburtstag. In einem Interview hat er gesagt: "Ich liebe meinen Job, ich gehe in ihm auf. Er ist faszinierend, und es ist ein großes Privileg, ihn ausüben zu dürfen." Diese Sätze sagen alles. Für mich ist Mister Armstrong ein Champion. Das mag bitter für "Ulle" sein, aber es ist einfach die Realität, mit der er sich abfinden muss.

Man muss an dieser Stelle aber auch noch einmal festhalten, dass diese von Armstrong dominierte Tour ohne Jan Ullrich nicht zu ertragen gewesen wäre. Die Art und Weise, wie Jan kämpfte, hat nicht nur der Tour die nötige Würze verliehen, sondern ihm die Sympathie aller Fans (und auch die der Gelegenheitstourgucker) eingebracht. Und das ist ja schließlich auch was. "Ulle" hat sicherlich in L'Alpe d'Huez schon gewusst, dass er diese Tour nicht gewinnen kann. Trotzdem hat er nichts unversucht gelassen, um doch noch zu gewinnen. In Frankreich sagt man bei so was "Chapeau!", und auch ich ziehe meinen Hut vor Jan Ullrich.

Bleibt mir noch, mich für die Resonanz auf diese Kolumne zu bedanken. Und: Bis zur nächsten Tour!

Ihr und Euer Marcel Wüst