Der Etappenhase Mit Bauchschmerzen ins Gebirge
Die Flachetappen sind vorbei. Seit dem Prolog in Paris hatten immer die Sprinter morgens am Start den höchsten Erwartungsdruck verspürt. Jetzt aber sind die Kapitäne der Teams gefragt, die in sie gesetzten Anforderungen zu erfüllen. Es macht sich eine unterschwellige Anspannung breit. Nach außen mag das Abendessen vor einer wichtigen Bergetappe locker und lustig wie immer wirken, aber wenn man genau hinschaut, sind die Fahrer stiller und in sich gekehrter als sonst: Das kann das längere " in den Joghurtbecher gucken" oder das "durch die Flasche auf den Salzstreuer blicken" sein.
Auch bei den Sprintern, die sicherlich nicht unter dem Druck stehen zu gewinnen, macht sich ein gewisses Unbehagen breit. Schaffe ich die Alpen-Riesen? Wie schnell wird der erste Berg gefahren und habe ich danach vielleicht noch mal eine Gelegenheit durch eine halsbrecherische Abfahrt wieder ins Feld zurück zu kommen?
Spannend wird sicherlich werden, wie sich Armstrongs Helfer verhalten werden. Mit Pena in Gelb und einem sehr schweren Berg kurz vor dem Etappenziel in Morzine-Avoriaz werden es die Jungs um Armstrong schwer haben; denn Männer wie Gilberto Simoni oder Stefano Garzelli werden nicht bis Sonntag warten wollen, um zu zeigen, was sie drauf haben.
Im Vergleich zu den Flachetappen ändert sich der Tagesablauf auf den Bergetappen relativ wenig, außer dass man wegen der früheren Startzeit etwas früher aufstehen muss. Das Frühstück morgens fällt je nach Streckenverlauf dann auch schon mal etwas spartanischer aus. Am kommenden Montag beispielsweise, stehen kurz nach dem Start mit Col du Lautaret und Col d'Isoard gleich zwei schwere Pässe über 2000 Meter Meereshöhe auf dem Programm. Fatal wäre es dann, wenn das Frühstück noch nicht richtig verdaut wäre. Die Mahlzeit abends vor der Bergetappe ist eigentlich immer die wichtigste. Unmengen Pasta, Reis, Gemüse werden weggespachtelt, denn die Kohlehydratspeicher müssen aufgefüllt werden, damit am kommenden Tag genügend Brennstoff für die Muskeln da ist.
Nachdem vor allem Lance Armstrong jedes Jahr die Bergetappen vorher genau inspiziert und auch fast alle anderen die großen Klassiker wie Galibier, Tourmalet oder Alpe d'Huez genau kennen, gibt es im Hinblick auf die Streckenführung fast keine Überraschungen mehr. Wenn es aber neue Streckenverläufe gibt, wie zum Beispiel das Finale der Etappe nach Gap, dann kann das einem Fahrer im Vorfeld schon Bauchschmerzen bereiten. Falls er diese neuen Berge nicht kennt, kann es gerade bei der Übersetzungswahl böse Überraschungen geben.
Ansonsten sind es auch oft die Helfer, die vor den Bergetappen in doppelter Hinsicht etwas porös werden. Zum einen stellt sich jeden Helfer die Frage, ob er den Anforderungen, die das jeweilige Team an ihn stellt, auch erfüllen kann. Zum anderen ist er natürlich auch gespannt, ob sein Mannschaftskapitän auch das hält, was er vor er Tour de France versprochen hat. Da hat sich ja vor allem auch Giro-Sieger Gilberto Simoni weit aus dem Fenster gelehnt. Seine Helfer werden hoffen, dass er nicht raus fällt...
Bis morgen!
Marcel Wüst