Der Etappenhase Noch einmal volle Konzentration
Die Betonung liegt hierbei auf muss, denn vielleicht will er das ja tun. Dieses letzte Zeitfahren wird entweder total locker angegangen und fast wie ein letzter Ruhetag behandelt oder aber es geht um Prestige und den Etappensieg. Die Vorbereitung auf den heutigen Tag könnte deshalb unterschiedlicher nicht sein. Die vielleicht 20 Fahrer die Vollgas fahren werden, um sich in der Gesamteinzelwertung noch zu verbessern oder die Etappe zu gewinnen, begehen den Tag mit angespannter Nervosität und einer unglaublichen Akribie. Der Rest des Fahrerfeldes schläft aus, lebt bis zur Startzeit so locker in den Tag hinein wie es nur geht, denn die Akkus sind so gut wie leer und für die Champs Elysees will man dann noch einmal so viele Kräfte wie möglich sparen.
Dem Gros des Feldes ist nach Beendigung der gestrigen Etappe ein großer Stein vom Herzen gefallen, denn die Tour ist zu Ende. Es stehen zwar heute noch 55 Kilometer auf dem Programm, aber trotz des sehr welligen Profils der heutigen Etappe ist das alles nur eine Formsache. Der Sieger wird etwas über 60 Minuten unterwegs sein und so wird das Zeitlimit bei etwa 1:20 Stunde Fahrzeit liegen, und das ist auch für kaputte Radprofis zu schaffen. Also keine Angst, eliminiert zu werden und mit Stopp- und Pulsuhr so locker wie möglich ins Ziel gerettet ... voila, schon ist man auf den Champs Elysées. Bei denen die voll fahren müssen, in diesem Falle besonders Ivan Basso, Andreas Klöden und Jan Ullrich, die sich um zwei Podiumsplätze streiten, hat dieser Tag eine ganz spezielle Bedeutung. Für Klöden und Basso wäre es ein absolutes Novum, neben Armstrong auf dem Podium zu stehen, für Ullrich, der das Gefühl, in Paris geehrt zu werden, schon sechsmal erleben durfte, wäre das nichts Neues. Aber gerade mit seinem Kampfgeist der letzten Woche hat Ullrich sehr sportlich auf diverse Sprüche reagiert, die er sich nach seinem schlechten Start in die Pyrenäen anhören musste. Trotzdem, oder gerade deshalb wird er alles daran setzen, sich heute so teuer wie möglich zu verkaufen.
Die Rechenexempel sind einfach. Im letzten Jahr verlor Basso beim ersten Zeitfahren der Tour sechs Minuten auf Ullrich, beim zweiten über 49 Kilometer nur knapp zwei. Das Profil ist eher schwer, also so wie beim ersten Zeitfahren der Tour 2003, was eigentlich für Jan Ullrich spricht, und die Tatsache das der Rückstand beim Abschlusszeitfahren so gering war, ist auch einfach zu erklären. Es herrschte dort extrem starker Rückenwind, bei dem die Zeitabstände sowieso nicht sehr groß sind. Und außerdem stürzte Ullrich und verlor nicht nur den Etappensieg an David Millar, sondern auch eine knappe halbe Minute, bevor er wieder auf dem Rad und im Rhythmus war.
Es ist im Bereich des Möglichen, die gut vier Minuten auf Basso aufzuholen, aber der Italiener hat sich in diesem Winter mit seinem neuen Teamchef Bjarne Riis, der ja als Perfektionist bekannt ist, sehr akribisch mit seiner Schwäche Zeitfahren auseinander gesetzt und sich mit Tests im Windkanal extrem verbessert. Die Chance für Klöden, der ja ein passabler Zeitfahrer ist, auf den zweiten Platz in Paris zu fahren, schätze ich höher ein, als die von Ullrich auf Platz drei. Trotz der überragenden Fahrweise von Armstrong bleibt die Tour spannend bis am Schluss. Obwohl der Sieger feststeht, ist der Kampf um die begehrten Podiumsplätze Schauspiel genug.
Armstrong war nicht unfair
Noch ein Wort möchte ich verlieren zu Armstrongs dritten Sieg in Folge, am vergangenen Donnerstag in "Le Grand Bornand". Viele meinten, es sei unfair gewesen, Klöden den Etappensieg wegzuschnappen. Aber als Armstrongs Helfer Floyd Landis, der sich seit zweieinhalb Wochen für seinen Chef aufgeopfert hat, kurz vor dem Ziel angriff, um endlich auch einmal ein persönliches Erfolgserlebnis zu feiern, da machte Jan Ullrich Tempo und holte ihn ein. Im Sport ist es nun einmal so, dass man höchstens mal einem Teamkollegen einen Sieg schenkt.
Zum Beispiel hat Michael Schumacher mal Rubens Barrichello vorbeigelassen - aber Kimi Räikkönen? Niemals, und keiner findet das unfair. Es war bei der 17. Tour-Etappe so, dass wieder der Beste gewonnen hat, und der hieß wieder Armstrong. Anstatt sich darüber zu beschweren, dass der Gegner keine Geschenke macht, sollte man lieber realisieren, dass man selbst auch nicht bereit war, welche zu machen. In diesem Sinne hoffe ich, dass heute der Beste das Zeitfahren gewinnt. Und auf diesem speziellen Gebiet hat Ullrich heute alle Chancen - ich würde ihm gönnen, wenn er sie nutzt.