"Der Etappenhase" Nur Stress am Ruhetag
Das Bergzeitfahren ist vorbei, Lance Armstrong hat es erwartungsgemäß gewonnen, und nach den Strapazen der letzten Tage steht jetzt für das Peloton der wohlverdiente Ruhetag auf dem Programm. Hört sich klasse an, ist aber meist gar nicht so toll.
So bleiben die Mannschafen nach der Zeitfahretappe alle in den Hotels in Grenoble und müssen dann am eigentlichen Ruhetag den Transfer nach Perpignan bewältigen. Es sind fast 500 Kilometer, die der komplette Tour-Tross da unter die Räder nimmt. Das heißt für die Fahrer früh aufstehen, Koffer und Taschen packen und dann zum Flughafen fahren, in die Sondermaschine der Societé du Tour einsteigen, und rund drei Stunden später ist man dann im neuen Hotel.
Die Mannschaftsbusse fahren schon früh morgens los, um die Fahrer am Flughafen abzuholen und auf ihre Zimmer zu bringen. Dort gibt es dann ein leichtes Mittagessen, und nach kurzer Siesta machen sich die Fahrer fertig, um eine Runde mit dem Rad zu drehen.
Zwar habe ich mich an einem Ruhetag nie danach gefühlt, mich freiwillig aufs Rad zu setzen, aber es ist einfach unerlässlich. Wenn man gar nichts tut, denkt sich der Körper nämlich: "Die Tour ist vorbei, jetzt schalte ich auf Erholung." Denn nach dem Ruhetag geht es sofort weiter in die Pyrenäen, und dort ist es so gut wie unmöglich, wieder Hochleistung zu bringen, wenn man den Tag vorher nur auf dem Bett herumgelungert hat.
Meist habe ich eine kurze Ausfahrt mit meinen Teamkollegen unternommen, rund zwei Stunden, locker, aber nicht langsam. Zwei oder drei kurze Sprints, um den Puls nach oben zu treiben, allerdings ohne Laktat zu produzieren. Da wissen Beine und Herz Bescheid, dass die Tour (leider) noch nicht vorbei ist. Danach gibt es dann eine ausgiebige Massage, weil man einfach mehr Zeit hat als nach den Etappen. Da hat man schon einmal das Glück, länger als eine Stunde auf der Massagebank liegen zu dürfen.
Auch ist für manche family time angesagt. Da kommen Frau und Kind(er) auf einen kurzen Besuch ins Hotel, und man verbringt ein wenig Zeit mit den Lieben, die man schon seit fast zwei Wochen vermisst. Nach dem Abendessen mit dem Team ist dann der "Ruhetag" schon wieder vorbei, und man wirft einen Blick ins Tourbuch, um sich schon einmal ein Bild davon zu machen, was einen am nächsten Tag erwartet.
Ähnlich wie bei meiner Kolumne gibt es den echten Ruhetag erst, wenn die Tour in Paris angekommen ist.
Ihr und Euer Marcel Wüst