Der Etappenhase Prolog von Marcel Wüst
So, da sitze ich jetzt also im Zug von Köln nach Hamburg und habe alle Zeit der Welt, um den Auftakt meiner täglichen Kolumne zur Deutschlandtour zu schreiben. Viele bunte Trikots werden in den nächsten Tagen auf teuren Rädern über Deutschlands Straßen fahren und dort zeitweise den Verkehr zum Erliegen bringen. Einige Menschen wird das sicherlich sehr aufregen, aber das ist natürlich nicht meine Sicht der Dinge.
Wir werden guten Sport sehen, die deutschen Radsport-Fans werden ihre Stars zum Anfassen haben und nicht zuletzt werden alle, die zum ersten Mal an der Deutschlandtour teilnehmen, überwältigt sein von den Massen von Fans am Straßenrand. Bilder, wie man sie sonst nur von der Tour de France her kennt.
Wer macht's sportlich?
Sportlich ist diese Deutschland-Tour sicherlich ganz offen. Es gibt einige, die sich Chancen auf den Gesamtsieg ausrechnen können, wie etwa Andreas Klöden von den T-Punkten. Klöden vertritt seinen Kapitän Jan Ullrich, der bekanntlich beim Giro d'Italia ist, um sich in Ruhe auf die Tour de France vorzubereiten.
Vom zweiten deutschen Team der ersten Kategorie, Team Coast, kommen sicher Alex Zülle und Fernando Escartin für einen der vorderen Plätze in Frage. Ich persönlich hoffe allerdings auf eine Wiederholung des Vorjahressieges von Festina; sei es David Plaza, der im vergangenen Jahr überraschte oder aber Casero oder Garcia Casas - ist mir egal, Hauptsache einer von uns. Ich sitze ja auch nicht allein im Zug, sondern neben meinem Teamkollegen Sven Teutenberg, dem ich viel Glück bei den Sprintankünften wünsche und hoffe, dass er meine Nachfolge bei Festina antritt.
Vandalen haben keine Zeit
Was sonst noch auf den Etappen zwischen Hamburg und Stuttgart passieren wird, weiß ich natürlich auch nicht, obwohl es wahrscheinlich keinen in der journalistischen Schiene (wo wir gerade im Zug sitzen!) gibt, der so viel Insider-Infos und Erfahrung hat wie ich - nicht beim Schreiben, dafür aber von dem, was bei der Tour durch Deutschland passieren kann.
Und wenn ich zu Beginn dieser Kolumne von "aller Zeit der Welt" sprach, ab morgen kann das ganz anders sein. Und wahrscheinlich werde ich auch auf meine schon bei Tour de France, dem Giro und der Vuelta erfolgreich eingesetzten "McGyver"-Acts wiederholen müssen, um das täglich Getippte per E-Mail dahin zu schicken, wo es hingehört: durchgeschnittene Telefonkabel oder abgeschraubte Buchsen in Hotels, die auf dem Standard des frühen 20. Jahrhunderts waren, sind da keine Seltenheit. Allerdings ist von mir immer alles wieder in seinen Ursprungszustand zurückversetzt worden, bin ja schließlich kein Vandale... Zeitaufwendig war es jedoch immer.
Außerdem wird bei all dem, was ich auf der Tour zu tun habe, auch der Schlaf mal ein bisschen zu kurz kommen: Fernsehen, Radio, Moderation, mein Job als Medienkoordinator bei Festina und natürlich mein "täglicher Senf" zur Etappe bei SPIEGEL ONLINE.
Morgen gibt es mehr. Nicht vom Volumen her, sondern über das, was im Rennen passiert ist.
Bis dann,
Marcel Wüst