"Der Etappenhase" Psychotricks im Peloton
Heute sitze ich mit einem breiten Grinsen vor meinem Computerbildschirm. Habe ich gestern noch in meiner Kolumne und auch vor laufenden ARD-Kameras die Prognose gewagt, dass wir nach den Vogesen einen deutschen Träger des gelben Trikots haben. Während ich in die Tastatur tippe, sind es noch acht Kilometer bis ins Ziel und meine Prognose hat sich bestätigt. Gut für meinen Ruf als Radsportexperte, und vor allen Dingen gut für den deutschen Radsport. Jens Voigt hat gezeigt, dass man in unserem Land als Radprofi nicht unbedingt beim Aushängeschild-Team Telekom fahren muss.
US Postal muss schuften
Bei der Fahrt durch die Vogesen konnte man heute aber auch andere, ganz interessante Details miterleben. Zunächst musste das US-Postal-Team um Lance Armstrong die größte Arbeit im Verfolgerfeld leisten, um den Vorsprung der fünf Ausreißer nicht zu groß werden zu lassen. Sie taten es über lange Zeit, allerdings nicht mit dem letzen Einsatz. Es lag ihnen nämlich nicht daran, die Flucht-Gruppe einzuholen, sondern es sollte einfach nur verhindert werden, dass die Tour de France aus den Fugen gerät und eine Gruppe mit guten Rennfahrern einen Riesenvorsprung herausfährt. Das hat es in der Vergangenheit schon einmal gegeben und bis dato unbekannte Fahrer fuhren lange Zeit in Gelb.
Die Mannschaft von Jan Ullrich kam dann auf einmal auch an die Spitze gestürmt und leistete einige Zeit die Arbeit am Kopf der Verfolgergruppe. Jan und Lance checkten sich und ihre Teams gegeneinander ab, nach dem Motto: Was ihr könnt können wir auch. Auch wir fühlen uns verantwortlich für die Gesamtwertung dieser Tour, weil auch wir gewinnen wollen und können.
Wie rund ist sein Tritt?
Das war meines Erachtens schon eine wichtige Szene, denn da konnte man die Spannung zwischen den beiden großen Rivalen förmlich spüren. Es wurden kurze Blicke nach links beziehungsweise rechts geworfen, um den Gegner einzuordnen. Wie rund ist sein Tritt? Wie schwer geht sein Atem? Zieht er eine Grimasse, obwohl es noch gar nicht richtig schwer ist?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es unheimlich wichtig ist zu wissen, wo der direkte Gegner steht . Viel wichtiger ist es aber den Gegner mit seiner eigenen Stärke zu demoralisieren. Da fährt man schon einmal nur durch die Nase atmend am Widersacher vorbei, um dann, wenn der das Gesicht nicht mehr sehen kann, den Mund wieder weit aufzureißen, um den vorher entgangenen Sauerstoff wieder einzusaugen. So weit ging es heute zwischen US Postal und Telekom zwar nicht aber die erste schwere Etappe in den Vogesen hat nicht nur wegen des schlechten Wetters, sondern auch wegen des gegenseitigen "Aufblasens" beiden Teams mehr weh getan, als es hätte sein müssen.
Drei von vier Trikots in deutscher Hand
Die Tour ist körperlich schwer, aber auch der Kopf spielt eine entscheidende Rolle und da wollte sich keiner der Topfavoriten lumpen lassen. Lieber ein Paar Körner verschießen, als sich die mentale Butter vom Brot nehmen lassen. Ich fand es gut das "Ulle" gegengehalten hat, das verspricht viel Spannung auf der weiteren Tour de France, die bei der langen Transitetappe nach Pontarlier mit Voigt, Zabel und Jaksche drei deutsche in vier möglichen Führungstrikots sieht...und alle drei fahren für verschiedene Mannschaften, da freut sich mein internationales Sprinterherz auf mehr.
Ihr und Euer Marcel Wüst