Der Etappenhase Quälerei im Kollektiv
Epernay - Jetzt werden zum ersten Mal die Karten auf den Tisch gelegt: Die bisher kürzeste Etappe der Tour ist für alle die erste, bei der alle Reserven mobilisiert werden müssen. Am Mittwoch schlägt sich die Zeit eines jeden in der Mannschaft voll in der Gesamtwertung nieder; jeder im Team ist mitverantwortlich für das, was am Ende auf dem Etappenergebnis steht.
Vor der 67,5 Kilometer langen Etappe von Epernay nach Château-Thierry konnte ich noch mit Manolo Saiz sprechen, dem sportlichen Leiter des ONCE-Teams, das für gute Mannschaftszeitfahren bekannt sind. Was er sagte, traf den Nagel auf den Kopf: Jeder Etappensieg sowie Gesamterfolg bei der Tour ist nur durch Mannschaftsarbeit zu erreichen, allerdings steht immer nur der Gewinner oben auf dem Podest.
Beim Mannschaftszeitfahren aber kommen alle mit auf das Siegerfoto, die der Mannschaft zum Sieg verholfen haben. Das Kollektiv, was ein Profiteam auch immer ist, wird endlich auch mal als Kollektiv geehrt. Eine Taktik gibt es im Teamkampf gegen die Uhr aber nicht wirklich, denn jeder muss alles geben. Die stärkeren Fahrer leisten zwar mehr Führungsarbeit, und die Helfer, die womöglich reine Bergspezialisten sind, fahren weniger lange vorne im Wind, aber trotz allem ist die Arbeit in der Mannschaft gerecht verteilt.
Neun Fahrer pro Team starten, die Zeit des Fünftplatzierten einer Mannschaft wird gewertet. Die übrigen, die später eintrudeln, bekommen auch ihren individuellen Zeitrückstand aufs eigene Team aufgebrummt. Wichtig ist aber eigentlich nur, dass der Teamleader, der auf eine gute Platzierung in der Gesamtwertung fährt, unter den ersten fünf Fahrern eines Teams ist.
Wenn allerdings in der ersten Rennphase ein Fahrer einen Defekt hat, wird bis zu einem gewissen Punkt auf diesen Mann gewartet, denn auch beim Teamzeitfahren gibt es ein Zeitlimit. Ein Einzelner, der von den 67,5 Kilometern die letzten 60 alleine gegen den Wind kämpfen muss, ist sicher zu spät im Ziel und müsste wegen Zeitüberschreitung nach Hause fahren. Also nimmt man die 20 Sekunden, die man verliert, um den Defekt zu beheben, in Kauf. Es wäre überaus töricht, bei noch 15 ausstehenden Etappen einen wichtigen Mannschaftshelfer so früh zu verlieren.
Auch bei der Etappe am Dienstag hat man gesehen, dass sich viele Teams an den Hinterrädern zu schonen versuchten. Ich wage schon einmal eine Prognose. Igor Gonzales de Galdeano fährt nach der vierten Etappe in Gelb. Sein ONCE-Team gewinnt am Mittwoch das Mannschaftszeitfahren.
Ihr Marcel Wüst