Der Etappenhase Speichen pflastern ihren Weg
Waterloo - An der heutigen Etappe scheiden sich die Geister. Die Organisatoren der Tour de France hatten die Idee, den Klassikern ihren Respekt zu zollen. Also wurden einige Monumente des Radsports neu ins Programm der Frankreich-Rundfahrt aufgenommen. Es hört sich ja auch gut an, wenn jetzt auch die "Mauer von Geraardsbergen" zu bewältigen ist, die man schon von der Flandern-Rundfahrt kennt. Und die Kopfsteinpflasterpassagen, für die der Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix bekannt ist, sollten ebenfalls ein Spektakel sein.
Dass die "Mauer" mit einer Steigung von bis zu 20 Prozent kein unüberwindliches Hindernis ist und auch die holprigen Pflastersektoren zu schaffen sind, zeigen Jahr für Jahr die Fahrer, die den Klassikern ihren Stempel aufdrücken. Aber der große Unterschied ist, dass die Rennen in Belgien von Fahrern bestritten werden, die nicht nur über diese Passagen fahren wollen, sondern auch Spezialisten darin sind.
Nun mag der eine oder andere sagen: "Na ja, noch nicht einmal zehn Kilometer Kopfsteinpflaster, das sollte zu packen sein." Das ist schon richtig, aber um welchen Preis? Der diesjährige Sieger von Paris-Roubaix, Magnus Backstedt, ist ein Hüne von 1,90 Meter und wiegt an die 90 Kilogramm. Dass der das kann, steht außer Frage. Was ist aber mit den viel leichteren spanischen Bergfahrern? Die fahren diese Klassiker grundsätzlich nicht, weil sie ihrer Charakteristik als Rennfahrer nicht entsprechen. Sie haben deshalb diese Kopfsteinpflasterwege noch nie befahren, geschweige denn beherrschen sie die Technik, diese ohne Gefahr für sich selbst und andere zu meistern.
Das ist fast so, als würde man einen Topschwimmer, sagen wir Ian Thorpe, vor Hawaii in die Brandung mit 15 Meter hohen Wellen schmeißen. Klar, kann der schwimmen. Aber wie sollte der Australier verhindern, dass er von der Monsterwelle am Waimea Beach auf das Riff geschleudert wird und sich dabei alle Knochen bricht? Es gibt Spezialisten für alles, aber man verlangt von einem Schwimmer ja auch nicht, dass er, um Olympiasieger zu werden, erst die Pazifikbrandung meistern muss.
In der heutigen Zeit, wo es immer mehr in Richtung Spezialisierung gehen muss, um die Topleistungen zu erbringen, gibt es viele Rennfahrer, die im Frühjahr alles tun, um bei der Tour de France in Topform zu sein, und dann könnte theoretisch das Aus schon nach drei Etappen kommen. Ein Radprofi muss immer damit rechnen, zu stürzen (wie gestern bei der Sprintankunft in Namur Jimmy Casper und Kurt-Asle Arvesen sowie vorher unter anderem Gian-Matteo Fagnini) - aber auf der heutigen Etappe ist das Risiko deutlich höher. Jeder der Topfavoriten kann von jetzt auf gleich draußen sein oder zumindest durch einen Defekt auf diesen Straßen, die diesen Namen gar nicht verdienen, wertvolle Zeit gegenüber seinen direkten Konkurrenten verlieren.
Für die Organisatoren der Tour de France wäre es fatal, wenn bei einem Sturz gleich mehrere Topfahrer ausfallen würden. Ich hoffe, dass wir alle (insbesondere die Fahrer und deren Teams) von diesem "größten anzunehmenden Unfall" verschont bleiben. Die Fahrer begegnen dieser Etappe mit dem typischen Fatalismus des Radprofis. Frei nach dem Motto: Der holperige Tagesabschnitt steht nun einmal im Plan, ich habe es vorher gewusst und bin trotzdem gekommen. Wenn man die Regeln kennt und mitspielen will, dann muss man diese Regeln akzeptieren. Akzeptiert haben alle, aber einige nur, weil sie keine andere Wahl hatten.
Das ist ähnlich wie früher im alten Rom. Ich vertrete nach wie vor die Auffassung, dass Radprofis so etwas wie moderne Gladiatoren sind. Kämpfte man früher in der Arena um Leben und Tod, geht es heute zwar nur darum, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber trotzdem ist es das Spektakel, das zählt. Jubelten und grölten die Zuschauer vor 2000 Jahren in römischen Arenen, so tun sie es heute am Straßenrand und vor den Bildschirmen. Das tut der Berichterstattung über die Tour de France zwar gut. Aber da diese ohnehin das größte jährlich stattfindende Sportspektakel der Welt ist, hat sie eine Etappe wie die heutige gar nicht nötig.