Der Etappenhase: Sprinten wie der Teufel - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Sprinten wie der Teufel

Die erste Tour-Woche ist die Zeit der Sekundenjäger. Selbst bei Zwischensprints wird mit harten Bandagen gekämpft. Die spurtstarken Fahrer wissen, dass sie sich vor den schweren Bergetappen zeigen müssen. Denn anschließend ist für sie nicht mehr viel zu holen.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gerade wenn auf den ersten Etappen die Zeitabstände zwischen den Fahrern noch ziemlich gering sind, muss man als Sprinter neben den schnellen Beinen auch ein helles Köpfchen haben. Natürlich kennt jeder den eigenen Rückstand auf den Mann in Gelb genau, aber wo denn die fünf oder sechs anderen Sprinterrivalen genau liegen, darüber muss man sich während der Etappe über den teaminternen Funk immer wieder informieren.

Nach jedem Zwischensprint mit Zeitgutschriften (6, 4 und 2 Sekunden) und Punktevergabe (6, 4 und 2) verändert sich die virtuelle Gesamtwertung, und es ist für alle Fahrer, die sich Hoffnungen auf Gelb machen, wichtig, auf dem neuesten Stand zu sein. Natürlich zählt jede Sekunde. Insbesondere wenn man merkt, dass es in den Zwischensprints für einen selbst gut läuft und die direkten Gegner nicht punkten (und damit Sekunden gut machen), gibt das natürlich Auftrieb.

Man kann auch nicht immer genau wissen, wie weit jeder andere im Feld zurück liegt, aber wenn es wie gestern eine kleine Ausreißergruppe von fünf oder sechs Fahrern ist, bekommt man vom Mannschaftsleiter über Funk die Abstände und vor allem die Ergebnisse aus den Bonifikationssprints eines jeden mitgeteilt, der in dieser Gruppe vertreten ist.

Ist der letzte Zwischensprint gelaufen, konzentriert sich alles auf den Schlussspurt um den Etappensieg. Die schnellen Männer scharen alle Teamkollegen um sich, und die Gedanken an Zeitgutschriften sind wieder weggewischt. Ob man nun das Gelbe oder Grüne Trikot bekommen könnte, wenn man diese oder jene Platzierung erreicht, das weiß man zwar, spielt beim Sprint jedoch gar keine Rolle. So früh in der Tour gibt es immer mehr als einen Gegner - die alle im Griff zu haben, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Man konzentriert sich also einzig darauf, den Sprint perfekt zu fahren. Dazu gehört auch, die Konkurrenten und die Stärke ihrer Teams abzuchecken, sich den Streckenverlauf der letzten Kilometer, wie er im Tourbuch beschrieben wird, genau einzuprägen, und auch über den Funk vom Teamleiter wichtige Informationen einzuholen.

In fast allen Teams geht beim sportlichen Leiter rund eine halbe Stunde vor der Zielankunft ein Anruf des Masseurs ein, der die Fahrer nach dem Ende der Etappe in Empfang nehmen wird. Der schildert dann kurz die Art und Weise der Zieleinfahrt, ob es beispielsweise Verkehrsinseln oder Kreisverkehre gibt, wie breit die Zielgerade ist und ob sie womöglich ansteigt. Die Oberflächenbeschaffenheit der Straße und die Windrichtung sind dann meist auch noch im Informationspaket enthalten, und aus all diesen Erkenntnissen müssen der Sprinter und sein Team dann das Beste machen.

Wenn es dann auf die letzten Meter geht, weiß man eigentlich sehr schnell, ob es für den Sieg reichen kann oder nicht. Gestern konnte man schon einen Kilometer vor dem Ziel davon ausgehen, dass Alessandro Petacchi es nicht schaffen würde. Er hatte nur noch einen Helfer vor ihm und der Zug der anderen Mannschaften überrollte ihn. Auch heute wird der Sekundenkampf weitergehen. So wird etwa die Teamtaktik von Crédit Agricole ganz darauf ausgerichtet sein, keine Gruppe so weit weg zu lassen. Die in dieser vertretenen Fahrer sollen nicht alle Zeitgutschriften abräumen, so dass ihr schnellster Mann, Thor Hushovd, leer ausgeht und in Gefahr gerät, das Grüne Trikot zu verlieren.