Der Etappenhase Tag der armen Hunde
Für alle Fahrer ist heute ein besonderer Tag: Die Favoriten schwanken zwischen Freude und Skepsis - je nach persönlichem Empfinden am gestrigen Ruhetag. Die Fahrer, die bereits müde oder angeschlagenen sind und eher zwei Ruhetage nötig gehabt hätten, bangen zusammen mit den Sprintern ums Zeitlimit.
Nur Jens Voigt wird sich auf dieses Teilstück freuen, denn er trägt auf dem Teilstück heute (ab 12 Uhr Liveticker, SPIEGEL ONLINE), Gelb und darf sich im Trikot des Spitzenreiters der ganzen Welt präsentieren. Theoretisch hat er die Möglichkeit, dieses Hemd noch einen Tag zu verteidigen. Dafür müsste Voigt aber für heute von CSC-Teamchef Bjarne Riis von zehrenden Helferaufgaben für seinen Kapitän Ivan Basso befreit werden. Das ist aber eher unwahrscheinlich.
Warten auf den Antritt von Armstrong
Insbesondere auf Lance Armstrong werden alle schauen, denn der hat bei seinen bisherigen Toursiegen immer am ersten Berg die Konkurrenten wissen lassen, dass er der Beste ist. Also droht, dass es in diesem Jahr auch so sein wird.
Aber wie gelähmt darauf zu warten, dass der Amerikaner im Nähmaschinentakt antritt und allen davonfährt, das wollen wohl die wenigsten der Favoriten. Gerade für T-Mobile mit einem wieder erstarkten Andreas Klöden, einem immer angriffslustigen Alexander Winokurow und einem trotz Sturzes optimistischen Jan Ullrich bieten sich interessante taktische Varianten. Diese zu unterstützen, würde auch Fahrern wie Basso oder Roberto Heras (Liberty Seguros) passen - denn immerhin zeigte Armstrongs Discovery-Team am Samstag in den Vogesen leichte Schwächen.
Eine frühe Attacke am ersten Berg, dem 1968 Meter hohen Cormet de Roselend, würde Armstrong vielleicht isolieren, er wäre dann auf dem langen Bergabstück vor dem Schlussanstieg nach Courchevel (2004 Meter) angreifbar. Gelänge dies, würde der Verlauf der Tour einen Schwung bekommen wie seit Jahren nicht mehr.
Die Tour der Leiden beginnt heute
Von Schwung verspüren aber die Fahrer nichts, die schon am Samstag und Sonntag in den vergleichsweise leichten Vogesen Anschlussprobleme hatten: Sprinter, verletzte Helfer und überforderte Tourneulinge - das sind heute ganz arme Hunde. Für sie gibt es zwei taktische Möglichkeiten: Entweder sie rollen zu Beginn nur im Windschatten der anderen mit und setzen sich in der ersten größeren Gruppe fest, die am ersten Berg abgehängt wird, um im Verbund die Anstiege zu meistern. Das Zeitlimit ist heute nicht wirklich problematisch, denn die ersten 100 Kilometer sind fast flach.
Die zweite Variante ist, sich der Ausreißergruppe anzuschließen, die auf den flachen Stücken dem Feld enteilt und vielleicht sogar mit bis zu zehn Minuten Vorsprung in den ersten Berg fährt. Dort sollten sie Kräfte sparen, um auf der Abfahrt des Cormet de Roselend von den Spitzenfahrern eingeholt zu werden. Sie sollten dann versuchen, an deren Hinterrädern bis zum Schlussanstieg zu gelangen - weit vor der letzten Gruppe des Feldes, dem Grupetto, wo am schlimmsten gelitten wird. Denn die Tour der Leiden beginnt spätestens heute.
Bis morgen, Ihr Marcel Wüst
P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen. Meine Antworten werden am nächsten der beiden Ruhetage der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Das ist am 18. Juli.