"Der Etappenhase": Teambammel vor der Uhr - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Teambammel vor der Uhr

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Taktische Überlegungen beim Mannschaftszeitfahren, Trinkgelage und leere Kohlehydratspeicher.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die kürzeste Etappe auf der Tour ist von der körperlichen Anstrengung sicherlich die härteste. "Clm. par equipes" steht im Tour-Roadbook - Mannschaftszeitfahren auf deutsch. Gleichzeitig ist es das, wovor viele Profis ein bisschen Bammel haben.

Beim Mannschaftszeitfahren ist es so, dass die Zeit eines jeden sich voll in der Gesamtwertung niederschlägt. Das heißt, verlorene Zeit durch eine schwache Teamleistung kann am Ende den Toursieg kosten. Eine Mannschaft ist immer nur so stark wie ihr schwächster Fahrer. Deshalb ist eine ausgewogene Mischung bei dieser Spezialdisziplin immer sinnvoll.

Die stärkeren Fahrer leisten mehr Führungsarbeit, und die Helfer, die womöglich reine Bergspezialisten sind, fahren vorne weniger lange im Wind. Es sollte aber unbedingt vermieden werden, dass einer zu lange vorne bleibt. Denn dann könnte die Geschwindigkeit der Gruppe zu weit abfallen: Es kostet sehr viel Kraft, den "Zug" wieder in Schwung zu bringen.

Die Zeit des Fünften zählt


Neun Fahrer pro Team starten, die Zeit des Fünften wird gewertet. Alle anderen, die später ankommen, bekommen auch ihren Zeitrückstand aufs eigene Team aufgebrummt. Aber wichtig ist eigentlich nur, dass der Teamleader, der auf Gesamtwertung fährt, bei den ersten fünf Fahrern dabei ist.

Gefahren wird dabei natürlich mit speziellen Zeitfahrrädern, Scheibenrädern und im einteiligen aerodynamischen Anzug. Auf den tropfenförmigen Helm wird manchmal verzichtet, da es darunter bei einer Dauer von über einer Stunde an der Leistungsgrenze unerträglich heiß werden kann.

Trinken nicht vergessen


Wo wir gerade bei Hitze sind: Ich bin mal gefragt worden, ob wir beim Zeitfahren nicht durch das Trinken unnötig Zeit verlieren würden. Wenn man so lange so schnell fährt, muss man den Flüssigkeitshaushalt schon nach Ablauf der ersten Viertelstunde wieder ausgleichen, hat man doch auch beim Warmfahren auf dem Turbotrainer schon viel geschwitzt, um den Körper auf Betriebstemperatur zu bringen.

Natürlich trinkt man nicht während der Führungsarbeit, sondern auf dem Weg nach hinten zurück, bevor man sich wieder an die Hinterräder der Teamkollegen klemmt. Wenn man Glück hat, schafft man es auch, sich in kürzester Zeit Powergel reinzuziehen. Das muss man auf jeden Fall machen, denn es ist schnell passiert, dass bei längerer Fahrt an der Leistungsgrenze die gutgefüllten Kohlehydratspeicher leer sind.

Bis morgen,

Ihr und Euer Marcel Wüst