Der Etappenhase: Teampower und Armstrongs Attacke - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Teampower und Armstrongs Attacke

Das Teamzeitfahren wird von vielen Radprofis gefürchtet. Mancher Spitzenmann verspielte hier schon den Sieg, weil die Kollegen zu langsam waren. Durch eine Regeländerung wird der Zeitverlust nun begrenzt. Dennoch müssen sich die Favoriten strecken - ein Debakel im Kampf gegen die Uhr ist schlecht für die Moral der Mannschaft.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute steht bei der Frankreich-Rundfahrt eine Prüfung der besonderen Art an. Wie immer am ersten Tour-Mittwoch findet das Mannschaftszeitfahren statt, das in diesem Jahr allerdings an Bedeutung im Kampf um den Gesamtsieg verloren hat. Zählte bislang immer die real gefahrene Zeit eines einzelnen, haben die Organisatoren inzwischen Änderungen am Reglement vorgenommen.

Nach der neuen Regelung kann keine Mannschaft mehr als 2:50 Minuten auf das siegreiche Team verlieren. Dabei ist es unerheblich, ob voll gefahren wird oder eine Mannschaft es ruhig angehen lässt. Früher war es häufiger vorgekommen, dass die Topteams den nicht so starken Mannschaften viel Zeit abnahmen und deren Leader, meist Kletterer, auf den ersten Bergetappen schon einen Rückstand von sechs Minuten und mehr auf die anderen Favoriten hatten.

Die neue Vorschrift verhindert so etwas. Ist dies ein Fortschritt? Es ist natürlich erfreulich, wenn gute Bergfahrer mit wenig Rückstand in die Pyrenäen gehen, denn das erhöht deren Chancen und damit auch die Spannung. Aber wenn ein Team sich im Mannschaftszeitfahren total verausgabt und bis zum letzten um den Etappensieg kämpft, dabei dem zweiten Team über eine Minute abnimmt, kann es doch nicht sein, das die zweitplatzierte Mannschaft nur einen Rückstand von 20 Sekunden aufgebrummt bekommt.

Ich sehe die Problematik vor allem darin, dass die Mannschaften, die ohnehin keine Ambitionen in der Gesamtwertung haben, diesen Tag als Ruhetag missbrauchen und man Bilder von locker durch die Reihe fahrenden Radprofis präsentiert bekommt, wo eigentlich Kampf und Einsatz vorherrschen sollten. Wenn man als Veranstalter die Chancen der Bergspezialisten in den Teams, die sonst immer viel Zeit verloren haben, wahren will, sollte man den kollektiven Kampf gegen die Uhr einfach um einige Kilometer verkürzen. Auch so wären die Abstände geringer und die Spannung größer.

Bei den Topleuten mit exzellenten Mannschaften wird der Zeitunterschied sowieso nicht groß sein, aber trotzdem ist dieses erste Kräftemessen der Teams eine ganz wichtige Angelegenheit. Gerade die Favoriten Lance Armstrong, Jan Ullrich, Tyler Hamilton und Roberto Heras werden nach den 64,5 Kilometern von Cambrai nach Arras um einiges schlauer sein, was die Möglichkeiten ihres Kollektivs für den weiteren Verlauf der Tour angeht. Soweit man Rückschlüsse aus dem sehr kurzen Zeitfahrens des Prologs ziehen kann, sehe ich die US-Postal-Boys wieder ganz klar in der Favoritenrolle auf den Etappensieg.

Sollten die anderen weit zurückbleiben, würden sie in der Gesamtwertung zwar nur 20, 30 oder 40 Sekunden verlieren (vorausgesetzt sie belegen die Plätze 2, 3 oder 4), aber für die Moral wäre ein großer Rückstand eine Katastrophe. Diese erste Standortbestimmung lässt nach genauer Analyse der Fernsehbilder auch Rückschlüsse zu, wie stark die Leader wirklich sind. Lange Führungsarbeit leisten und hohes Tempo fahren kann man im Mannschaftszeitfahren nur dann, wenn die Form wirklich stimmt - das sollte bei Ullrich, Armstrong und Co. der Fall sein.

Den schlimmsten Tag haben heute die Fahrer vor sich, die in Mannschaften mit einem Kandidaten für eine gute Platzierung in der Gesamtwertung fahren, aber selbst im Kampf gegen die Uhr eher schwach sind und vor allem für die Bergetappen ins Team geholt wurden. Das Kollektiv ist immer so stark wie sein schwächstes Glied, und wenn die starken Zeitfahrer aufs Tempo drücken, dann muss der Bergfloh aufpassen, dass er nicht hinten fliegen geht. Was die Geschwindigkeit angeht, ist die Führungsarbeit, die jeder Einzelne leistet, fast gleich, nur dass der Schwache vielleicht 50 oder 100 Meter führt (und zwischendrin auch mal gar nicht) und die Spezialisten das hohe Tempo selbst einen ganzen Kilometer durchhalten können.

Wenn die Geschwindigkeit minimal absackt, dann hat der nächste Fahrer die undankbare Aufgabe, den Zug wieder in Schwung zu bringen. Das kostet nicht nur Kraft, sondern auch Zeit. Deshalb lieber nur kurz im Wind und schnell wieder nach hinten an die Hinterräder zum Erholen. Apropos erholen: Den höchsten Puls hat man beim Mannschaftszeitfahren, wenn man sich gerade wieder hinten eingereiht hat. Denn wenn man sich zurückfallen lässt, muss man natürlich am Ende der Reihe wieder Tempo aufnehmen, um es ans letzte Hinterrad zu schaffen. Diese kleine Beschleunigung, kurz nachdem man vorne geführt hat, ist höllisch.

Armstrong hat sich nicht unfair verhalten

Ein paar Worte auch noch zur gestrigen Etappe. Für große Aufregung sorgte der Sturz Iban Mayos, für noch größere das Verhalten Lance Armstrongs. Der US-Amerikaner hatte das Tempo verschärft, die Teams der Mitfavoriten Jan Ullrich (T-Mobile) und Tyler Hamilton (Phonak) waren mitgegangen. Am Ende hatte Mayo fast vier Minuten verloren, den Tour-Sieg kann er vergessen. Manch einer behauptete später, Armstrong und Co. hätten sich unfair verhalten und gegen den Ehrenkodex der Tour verstoßen. Das ist totaler Quatsch! Es war eine normale Rennsituation, in der Mayo zu Fall kam. So etwas kann immer passieren. Er hatte einfach Pech. Zudem wusste er vorher, worauf er sich einlässt; er ist eben kein Spezialist für Pflastersteinpassagen, sondern hat in den Bergen seine Stärken.

Mayos Sturz ist mit dem Armstrongs bei der vergangenen Tour nicht zu vergleichen. Der US-Postal-Mann war damals auf der 15. Etappe nach Luz-Ardiden gestürzt (und hatte Mayo mit zu Fall gebracht). Ullrich nutzte die Situation nicht aus und wartete auf die beiden Konkurrenten, Armstrong gewann später die Etappe. Ullrichs Verhalten entsprach den ungeschriebenen Gesetzen der Tour. Kein Fahrer will davon profitieren, wenn ein Kollege durch Fremdverschulden einen Schaden erleidet. Und dies ist 2003 bei Armstrong so gewesen, er war am Beutel eines Zuschauers hängengeblieben. In Mayos Fall kann von einem Einwirken Dritter jedoch keine Rede sein, er ist in einer ganz normalen Rennsituation gestürzt.

Bis morgen, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch bei dieser Tour wird Marcel Wüst gerne Ihre Fragen beantworten. Unter dieser Mailadresse  erreichen Sie unseren Experten. Die Antworten gibt Marcel Wüst an den beiden Ruhetagen. Der erste ist am Montag, dem 12. Juli, der zweite eine Woche später.