Der Etappenhase Ullrichs großer Bluff?
100 Jahre Tour de France - nicht nur, weil die Frankreich-Rundfahrt 2003 einen ganz runden Geburtstag feiert, ist diese Tour etwas ganz Besonderes für mich. Zunächst einmal finde ich es klasse, dass ich wieder als Etappenhase für SPIEGEL ONLINE durchs Internet hoppeln darf. Und dann ist Grande Boucle aus deutscher Sicht diesmal besonders interessant. Nicht nur dass Jan Ullrich nach seinem Krisenjahr 2002 wieder an den Start geht. Nein. Diesmal sind erstmals in der Geschichte gleich drei deutsche Teams im Rennen: neben Telekom auch Gerolsteiner und das Coast-Nachfolge-Team Bianchi.
Was sind die Erwartungen der einzelnen Teams? Welche Ziele haben sie sich gesteckt? In den Interviews mit Presse, Funk und Fernsehen bleiben die Verantwortlichen da immer etwas vage. Hier meine persönliche Einschätzung der Teams.
Bei Gerolsteiner hat die sportliche Leitung gesagt, dass man sich zeigen und das Rennen mitgestalten wolle. Für mich klingt das nach Angriff, wo es nur geht, sicherlich auch in der für Ausreißer besonders günstigen letzten Tourwoche und auf den Bergetappen. Meines Erachtens ist ein Topsprinter wie Olaf Pollack auch für einen Etappensieg in den ersten Tagen gut. Bei seinen Zeitfahrqualitäten, die er im Prolog ausspielen kann, ist er am Anfang der Tour sogar ein Kandidat fürs Gelbe Trikot.
Bei Telekom gibt es sicherlich eine zweigeteilte Taktik. Zabel zum Etappensieg und eventuell zum siebten Grünen Trikot zu führen auf der einen Seite sowie eine Top-Platzierung durch Botero oder Winokourow auf der anderen. Ob die Erfolge der ausländischen Fahrer in Deutschland Beachtung finden, damit werde ich mich in der zweiten Tourwoche beschäftigen.
Die Gretchenfrage der deutschen Randsportfans an Jan Ullrich lautet: "Wie hast du es mit der Form?" Ihnen wäre es natürlich am liebsten, wenn unser Wunderkind den texanischen Superstar Lance Armstrong in Grund und Boden fahren würde. Aber die Vorzeichen sind nicht wirklich gut: Einerseits hat Ullrichs Bianchi-Team noch nicht gezeigt, dass es wirklich stark genug ist. Zum anderen ist es Fakt, dass Armstrong der Fahrer ist, der sich in allen Belangen am konsequentesten auf den Showdown im Juli vorbereitet.
Selbst die von Jan Ullrich neu gewonnene Selbstständigkeit und seine viel seriösere Vorbereitung werden es nach dem jetzigen Stand der Dinge unmöglich machen, am texanischen Thron zu wackeln. Es sei denn, Ullrich hat sich bei Armstrong etwas abgeschaut, worauf er selbst schon einmal reingefallen ist. Armstrongs großer Bluff auf der Etappe nach Alpe d'Huez hatte 2001 alle überrascht. Was wäre, wenn Ullrich bei seinen Vorbereitungsrennen wie der Deutschlandtour oder der Tour de Suisse mit nur neunzig Prozent Einsatz gefahren wäre? Alle denken, er sei noch nicht so weit, und bei der Tour de France sehen wir dann einen Jan Ullrich in Top-Form, wie ihn vorher noch niemand gesehen hat...
Schön wäre es ja. Doch wie gut der neue Jan Ullrich und seine neue Mannschaft wirklich sind, können wir weder nach dem Prolog noch nach dem Mannschaftszeitfahren auf der vierten Etappe sagen. Da muss es erst wieder hinaufgehen nach Alpe d'Huez. In einer Woche sind wir alle schlauer.
Bis morgen,
Ihr Marcel Wüst