Der Etappenhase Wenn hinten "reguliert" wird
Rouen - Am Donnerstag hat es die erste Ausreißergruppe also geschafft, dem rasenden Feld zu entkommen und ihren Vorsprung ins Ziel zu retten. Doch gewonnen hat gestern wieder ein Sprinter. Jaan Kirsipuu war nicht nur auf dem Papier der schnellste, sondern auch auf der Straße und hat beim Finale in Rouen vor allen Dingen von zwei Tatsachen profitiert.
Zum einen gab es keinen Berg, an dem die anderen vier des Ausreißer-Quintetts hätten attackieren und ihn abhängen können. Zum anderen war es immer er selbst, der alle Angriffe im Finale konterte, denn da er als Sprinter über eine gewaltigen Antritt verfügt, war er bei jedem Vorstoß sofort am Hinterrad des Attackierenden und somit in der günstigeren Position. Ein verdienter Sieg, der auch dadurch zu Stande kam, weil man sich hinten im Peloton wohl etwas verrechnet hatte.
Heute wird es ähnlich laufen, aber die gleichen Fehler wie gestern werden die Sprinterteams nicht begehen. Zulange ließ man die Mannschaft des Gelben Trikots, das Once-Team, gewähren, das Tempo zu machen. Ein wirkliches Interesse die Ausreißer-Gruppe einzuholen bestand nicht, war der beste in der Gesamtwertung dieser Spitzengruppe doch über vier Minuten zurück.
Wer jetzt schon einiges an Rückstand hat, ist für das Gelbe Trikot nicht gefährlich, und für die Mannschaft, die das Gelbe Trikot verteidigt, heißt es, nicht mit aller Kraft das Loch zuzufahren. Nur größer als der Rückstand in der Gesamtwertung darf der Vorsprung im Ziel nicht sein.
Ist beispielsweise eine Gruppe vorne, in der der beste Fahrer vier Minuten Rückstand hat, kann man "regulieren". Das heißt, den Vorsprung nicht so groß werden lassen, dass man am Ende das Gelbe Trikot verliert, das Loch aber auch nicht zufahren. Diese Aufgabe müssen nämlich die Teams übernehmen, die keinen Fahrer in der Spitzengruppe haben, falls sie die Etappe noch gewinnen wollen.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Mannschaft, die den Führenden in der Gesamtwertung in ihren Reihen hat, nicht die volle Arbeit leistet, da der Mann in Gelb automatisch Publicity für sein Team macht. Die anderen müssen sich den Weg auf die Titelseiten der Gazetten erst durch einen Etappensieg erarbeiten. Deshalb darf man davon ausgehen, dass die Sprinterteams deshalb heute nichts anbrennen lassen.
Erstaunlich war gestern, dass sich Team Telekom so lange zurückhielt. Aber ein Tag, den man nicht voll im Wind fährt, tut auch mal gut. Zabels Helfer nämlich haben bislang schon einiges an Verantwortung und Arbeit auf dieser Tour übernommen. Sicher wird es auch von der Tagesform der Sprinter abhängen, wie vehement die jeweiligen Mannschaften (allen voran Lotto, Credit Agricole und Telekom) im Finale reintreten. Aber vor allen Dingen werden das Profil der Etappe insgesamt und besonders die Konturen der letzten Kilometer entscheiden. Wenn's schwer wird, mit einer leicht ansteigenden Zielgeraden, dann ist Zabel so gut wie nicht zu schlagen. Allerdings hat sich in den vergangenen Tagen bestätigt, dass es bei ganz flachen Zielgeraden für ihn nicht so gut läuft, besondern wenn noch Rückenwind bläst. Dann hatten Freire und vor allem McEwen die höhere Endgeschwindigkeit.
Lassen wir uns überraschen, denn mal ehrlich, was gibt es Spannenderes als eine Sprintankunft? Erst auf den letzten Metern weiß man wer gewinnt oder verliert. Die Bergetappen sind ja oft schon viele Kilometer vor der Ziellinie entschieden. Dass ich Sprintetappen lieber mag, liegt auch sicherlich daran, dass ich selbst Sprinter war und in den Bergen immer hoffnungslos hinterher gehechelt bin.
Bis morgen.
Ihr Marcel Wüst