Der Etappenhase: "Wer bremst, verliert" - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase "Wer bremst, verliert"

Immer wieder kommt es bei der Tour de France zu spektakulären Stürzen. Manchmal sind sie unvermeidbar - manchmal haben die Fahrer die Situation aber auch falsch eingeschätzt. Ein Irrtum mit schmerzhaften Folgen.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Finale der gestrigen Etappe hat es im Sprint glücklicherweise keine Stürze gegeben, aber auf der Strecke touchierte der Franzose Lilian Jégou das Kameramotorrad des französischen Fernsehens und kam zu Fall. Der Fahrer des Wagens der Tourdirektion direkt hinter den beiden Ausreißern verfehlte nur um Zentimeter den Kopf des gestürzten Fahrers und lenkte den Wagen in die Wiese. Das sah zwar alles viel spektakulärer aus als es schließlich war, aber trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie gefährlich ist dieser Sport? Ist das nur etwas für geisteskranke Selbstmörder, oder ist doch alles nur halb so wild?

Der Sturz des Ausreißers war zum Beispiel vermeidbar, allerdings kann man wirklich niemandem eine direkte Schuld daran geben. Der Lenker des Kameramotorrades muss natürlich auch den Fahrer im Auge behalten, und es gibt ja auch gewisse Regeln, wie nah die Begleitmotorräder an die Sportler herandürfen. In diesem Fall wurde diese Regel bestimmt nicht eingehalten.

Wirklich schuld sind allerdings alle ein wenig: Zunächst mal der Kameramann, der auf der Jagd nach tollen Bildern ist, die ja auch das Salz in der Suppe der Tour de France sind. Aber als Radprofi muss man auch immer ein wenig mit dem Fehler des anderen rechnen.

Bei den Ankünften der Sprinter im Ziel hingegen kommt es wegen der enorm hohen Geschwindigkeiten meistens zu spektakulär aussehenden Stürzen. Diese wirken im Fernsehen jedoch glücklicherweise oft schlimmer als sie wirklich sind.

Als Fahrer weiß man natürlich, wie groß die Gefahr ist, und auch dass das Ergebnis einer falschen Entscheidung dann prompt folgt: Wer beispielsweise in eine Lücke hineinfährt, die eigentlich zu eng ist, hofft vielleicht, dass der mit dem Ellbogen angerempelte Konkurrent schon Platz macht. Aber oftmals ist der Lenker zwischen den Oberschenkeln zweier Konkurrenten eingekeilt, und das Rad kaum noch beherrschbar. Dann heißt es schnell zurückziehen, oder man nimmt das Risiko auf sich, bei mehr als 60 km/h kurz vor dem Ziel Bekanntschaft mit dem in Frankreich oft sehr rauhen Straßenbelag zu machen.

Von meiner Frau habe ich mir sagen lassen, dass es am schlimmsten sei, wenn Angehörige zu Hause am Bildschirm einen Sturz live miterleben. Während der Fahrer nur Sekunden braucht um zu konstatieren, ob etwas gebrochen oder sonst irgendetwas Schlimmes passiert ist, macht sich die Familie zu Hause natürlich riesige Sorgen.

Bei der Vuelta im Jahre 1995 kam ich selbst von etwas zu weit hinten auf die letzten 300 Meter des Rennens, konnte mir aber im Windschatten einen Weg suchen und sah dann rechts eine kleine Lücke zwischen dem Amerikaner George Hincapie und der Barriere. Hincapie war noch in Führung, aber ich sah, wie er gerade von Asiat Saitov auf der linken Seite überholt wurde. Da einem der normale Sprinterverstand dann normalerweise sagt: "Fahr rüber auf die Seite, auf der du angegriffen wirst..."(in diesem Fall nach links), war mir eigentlich klar, dass ich mit der sehr viel höheren Geschwindigkeit, die ich draufhatte, dann durch die Lücke an der Barriere an allen vorbei zum Etappensieg fliegen könnte.

Mit Fliegen lag ich da schon richtig, aber dass mit dem Etappensieg wurde nichts. Hincapie machte nicht die kleine Welle nach links Richtung Saitov. Ich war bis zum großen Knall davon überzeugt, er werde es im letzten Moment doch noch tun, frei nach dem Motto: "Die Hoffnung stirbt zuletzt" oder auch "wer bremst, verliert". Zuerst touchierte ich jedoch mit der Schulter die Barriere, dann mit dem Lenker Hincapies Oberschenkel, und durch die höhere Geschwindigkeit riss es Hincapie und den verdutzten Saitov auf der anderen Seite gleich mit. Mein Fahrrad flog wie ein Geschoss für rund 3 Sekunden durch die Luft, um dann 15 Meter weiter irgendwo wieder aufzuschlagen.

Als ich benommen, mit blutigen Armen und Beinen sowie einem grässlichen Schmerz im Rücken das erste Mal die Augen öffnete, sah ich, wie einer meiner Mannschaftskollegen hielt - und hinter ihm gleich das Motorrad des spanischen Fernsehens. Mein erster Gedanke war: "Aua"; der zweite, als ich die Kamera sah: "Das hier ist live. Heike guckt zu Hause." Obwohl mir wirklich nicht danach war, rang ich mir ein Lächeln ab, strahlte so gut wie ich konnte in die Kamera und hob beide Daumen. Es hat meiner Frau ein wenig geholfen - am meisten hilft es aber, gesund ins Ziel zu kommen.

Bis morgen

Marcel Wüst