Der Etappenhase: Wer hat die dicksten Waden? - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Wer hat die dicksten Waden?

An den Ruhetagen der Tour de France beantwortet Marcel Wüst traditionell die Fragen der Leser. Gibt es Sonderregelungen für den einst schwer erkrankten Armstrong? Welche Auswirkungen hatte der Flug durch die Heckscheibe seines Trainingswagens für Jan Ullrich und woher stammt die Bezeichnung Etappenhase? Wüst kennt die Antworten.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage:

Im Jahr 2003 wurde lange darüber diskutiert, dass Jan Ullrich von T-Mobile zum CSC-Team von Bjarne Riis wechseln würde. Ist er nur bei seinem alten Arbeitgeber geblieben, weil der ihm ein besseres finanzielles Angebot gemacht hat? Antwort: Das kann ich zwar nicht beschwören, aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Frage: Wie stark hat sich der Trainingssturz von Jan Ullrich (er durchschlug einen Tag vor dem Tourstart die Heckscheibe des Mannschaftswagens, Anm. d. Red.) auf dessen Verfassung ausgewirkt? Antwort: Dieser Unfall hat ihn aus meiner Sicht eher psychologisch als körperlich beeinträchtigt. Meiner Meinung nach hätte er sich aber nach dem Vorfall etwas vorsichtiger über seine Form äußern sollen, denn wer gerade in eine Heckscheibe gekracht ist, muss in so einer Situation nicht zusätzlich Stärke demonstrieren. Frage: Gibt es in jedem Team einen festen Einsatzplan, oder hilft auf einer Etappe jeder Fahrer dort aus, wo er gerade gebraucht wird? Antwort: Die Aufgabenverteilung in den Mannschaften ist flexibel. Wenn mehrere gute Bergfahrer zum Team gehören, dann kommt es am Schlussanstieg auch auf die Tagesform an, wer um den Sieg mitfährt. Soll hingegen ein Sprinter in die beste Position gebracht werden, ist die Reihenfolge aller dafür notwendigen Fahrer immer dieselbe, die Abläufe dementsprechend auch. Frage: Sind die Geschichten aus dem virtuellen Team von SPIEGEL ONLINE eigentlich erfunden? Antwort: Die Interviews finden mit lebenden Personen statt, die ich aus meiner aktiven Zeit noch kenne. Diese Fahrer kommen allerdings aus verschiedenen Mannschaften und werden von mir in diesem virtuellen Team zusammengefasst. Aber es sind "echte" Teilnehmer der Tour de France. Frage: Wie stark ist die psychische Belastung bei so einer Rundfahrt? Antwort: Das Mentale spielt eine große Rolle - aber die körperliche Verfassung ist wichtiger. Wenn der Gegner im Schlussanstieg mehr Kraft hat, dann nützt auch die beste eigene mentale Stärke nichts. Allerdings ist die Psyche in der Vorbereitung wichtig. Man muss sich immer wieder überwinden, die geforderten Tempointervalle im Training zu fahren, und das ist hart. Vor allem, wenn der innere Schweinehund ruft: "Mach doch locker, dann geht's dir besser." Wenn du diesen Rufen nachgibst, fehlt dir aber bei der Tour der entscheidende Leistungsvorsprung. Frage: Sind nicht diese vielen Begleitfahrzeuge bei der Tour eine Belastung für die Radfahrer? Die Abgase sind doch bestimmt nicht angenehm - oder fahren diese Autos mit alternativen Treibstoffen? Antwort: Es gibt keine alternativen Treibstoffe für die Begleitfahrzeuge - Benzin- und Dieselabgase liegen folglich in der Luft. Aber als Behinderung empfinden das die Fahrer nicht, schließlich müssen ja alle damit kämpfen. Frage: Wer hat die krätigsten Beine der Tour? Antwort: Bei der Untersuchung der Fahrer wird zwar nicht gemessen, wer den größten Wadenumfang hat, aber ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht Kirsipuu, Backstedt oder Michael Rich ein solches Rennen unter sich ausmachen würden. Frage: Warum gibt es eigentlich keine dunkelhäutigen Radfahrer? Antwort: Das kann ich leider nicht beantworten. Vielleicht ist der Radsport in den afrikanischen Ländern, die gute Langstreckenläufer haben, nicht populär genug. Der einzige dunkelhäutige Fahrer, der weltbekannt wurde, ist der US-Amerikaner Nelson Vails, der bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 die Silbermedaille im Bahnsprint gewann. Bei der Tour war er aber nie dabei. Frage: Woher kommt denn der Begriff Etappenhase? Antwort: Der Begriff ist keine frühe Variante des Boxenluders, sondern nach einem kölschen Schwank von Willi Millowitsch entstanden, der denselben Namen trug. Frage: Wie werden die Zeiten der Fahrer gemessen? Antwort: Die Zeitabstände während des Rennens werden inzwischen satellitengestützt über GPS und den kleinen Transpondern gemessen, die alle Fahrer am Rad haben. Die werden von der Organisation an die Teams ausgegeben und müssen nach der Tour zurückgegeben werden. Frage: Gibt es für Lance Armstong wegen seiner Hodenkrebs-Erkrankung eine Ausnahmeregelung für gewisse Medikamente? Antwort: Für Armstrong gelten die gleichen Antidoping-Regularien wie für die anderen Fahrer auch. Er kann also nicht etwa Medikamente nehmen, die auf der Dopingliste stehen. Wenn er das müsste, dürfte er eben kein Radprofi sein. Frage: Wie halten sich die Fahrer während der Saison fit? Antwort: Die meisten beschränken sich darauf, durch Stretching und andere Übungen die Beweglichkeit zu erhalten - spezifisches Krafttraining findet fast ausschließlich im Winter statt. Topleute legen manchmal längere Phasen ein, in denen speziell die Kraft, Schnelligkeit oder ähnliches trainiert wird. Wichtig ist dabei nur, dass man es schafft die erworbene Stärke auch auf dem Rad umzusetzen. Bis morgen, Ihr Marcel Wüst P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen.  Meine Antworten werden am zweiten und letzten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht - am Montag, dem 18. Juli.