Der Etappenhase "Wir sind eine Leidensgemeinschaft"
SPIEGEL ONLINE:
Herr McBoonen, wie bereiten Sie sich vor, wenn heute wieder eine Bergetappe ansteht?
McBoonen: Du musst die Spielregeln der Tour akzeptieren: Ab der zweiten Woche geht es ins Hochgebirge. Schwer zu verkraften ist allerdings, dass man sich ohne brauchbares Resultat quälen muss. Der Bergfahrer, der sich am Leistungslimit schindet, hat vielleicht das Bergtrikot oder einen Etappensieg vor Augen. Wir Sprinter haben die Angst im Nacken, von der Rennleitung bei Überschreitung des Zeitlimits nach Hause geschickt zu werden. Gerade wer in den ersten zehn Tagen der Tour richtig ackern musste, und das machen die Sprinter, ist gegenüber den Bergfahrern im Nachteil.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
McBoonen: Die Berg- und Gesamtwertungsfahrer, die schonen sich an den ersten zehn Tagen. Wir fahren mit ganzer Kraft. Mentaler Druck, Leistungslimit im Finale - und dann sollen wir gegen die fast frischen Leute in den Bergen etwas ausrichten. Das ist so, als müsse ein 100-Meter-Läufer auf einmal Marathon laufen.
SPIEGEL ONLINE: Was sind für Sprinter die Schwierigkeiten in den Bergen?
McBoonen: Die kurzen Etappen sind für uns die schwersten. Wenn es vom Start weg bergan geht oder schnell gefahren wird und man sofort den Anschluss verliert, dann wird es für uns schwer mit dem Zeitlimit. Lange Flachstücke zwischen den Bergen sind fürs Grupetto gut, da kann mal auch wieder Zeit aufholen.
SPIEGEL ONLINE: Lange Teilstücke sind Ihnen also lieber?
McBoonen: Ja, denn die Karenzzeit wird berechnet nach der Fahrzeit des Siegers und der Schwierigkeit der Strecke. Benötigt der Tageserste beispielsweise fünf Stunden und die Jury legt fest, dass der Letzte höchstens 12 Prozent länger brauchen darf, dann muss dieser maximal 36 Minuten später als der Erste im Ziel sein. Das hört sich viel an, ist aber wenig, wenn viele Berge zu meistern sind.
SPIEGEL ONLINE: Wie erfahren Sie auf der Strecke, wann Sie im Ziel sein müssen?
McBoonen: Auf der kleinen Streckenkarte, die in meinem Trikot steckt, stehen diverse Ankunftszeiten für den Sieger und die dazugehörigen Prozentzahlen, also Minuten die man verlieren dürfte. Sobald ich erfahre, wann der Erste im Ziel ist, lasse ich die Stoppuhr laufen. Das ist die sicherste Methode. Wenn ich feststelle, dass ich sicher im Zeitplan liege, fahre ich sogar etwas langsamer. Denn die Körner, die ich an diesem Tag spare, kann ich vielleicht morgen dringend gebrauchen.
SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie wissen, dass Sie die Karenzzeit verfehlen?
McBoonen: Da darf man nicht resignieren, denn manchmal wird aufgrund verschiedener Vorfälle das Zeitlimit verlängert.
SPIEGEL ONLINE: Welche Vorfälle können das sein?
McBoonen: Manchmal werden die Bergetappen schneller gefahren, als der schnellste vorgesehene Schnitt, und eine Gruppe von 40 oder mehr Fahrern kämpft sich kurz nach dem Zeitlimit ins Ziel. Dann kann die Jury die Fahrer im Rennen lassen. Oder es schneit und hagelt den ganzen Tag. Jeder, der sich bei so einem Wetter durchquält, hat es eigentlich verdient, im Rennen zu bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Hilfe der Zuschauer?
McBoonen: Am besten sind die Fans, die nicht nur anfeuern, sondern auch ein bisschen schieben und dir eine kalte Dose Cola reichen. Die wird dann im Grupetto meist mit anderen Fahrern geteilt. Wir sind eine Leidensgemeinschaft.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist das zu verstehen?
McBoonen: Es kann sein, dass einer einen schlechten Tag erwischt und sich auf den flachen Stücken nicht an der Führungsarbeit beteiligt. Den zieht man auch mal mit durch. Aber wenn das ein Kollege immer macht und am Berg auch noch gut mithält, bekommt er die Meinung gesagt. Wenn es ihm dann wirklich schlecht geht, hat er ein Problem: Wir kümmern uns nicht mehr um ihn.
SPIEGEL ONLINE: Manche Sprinter fahren vorzeitig nach Hause. Absichtlich?
McBoonen: Das macht keiner. Okay, der Italiener Mario Cipollini hat viele Etappen gewonnen - aber nie eine Tour beendet. Bei dem vermuten viele, dass er von Anfang an nicht vor hatte, die Tour zu beeenden. Aber oftmals schaffen die Kollegen die Berge einfach nicht. Manchmal sind sie noch zu jung, andere wie Jaan Kirsipuu, sind zu schwer. Aber jeder, der bei Kräften ist, will bis zum Ziel in Paris durchhalten.
Bis morgen, Ihr Marcel Wüst
P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen. Meine Antworten werden am zweiten und letzten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht - am Montag, dem 18. Juli.