Der Etappenhase Zabel hat gerne Gelbsucht
Metz - Wie hält man die erste Woche der Tour de France spannend? Indem man, wenn man Erik Zabel heißt, in Saarbrücken nicht gewinnt und in Gelb fährt, sondern sich von zwei echten Champions schlagen lässt. Der eine Weltmeister (Oscar Freire), der andere Australiens Bester (Robbie McEwen) - und beide Sprintasse.
So wird es am Dienstag auf dem dritten Teilstück über 174,5 Kilometer von Metz nach Reims wieder um Gelb gehen. Dann gleich für alle drei, allerdings mit der Gefahr, dass der vierte sich freut, nämlich der Schweizer Bertigliato, auf dessen erfolgreiche Verteidigung des Gelben Trikots am Montag kaum einer einen Cent gewettet hätte.
Die Analyse des Sprints hat gezeigt, dass McEwen und Freire schneller waren als Zabel. Das sind die auch sonst. Zabel ist der stärkere Sprinter, wenn die Etappe vorher hart gefahren wurde oder es wie in Luxemburg leicht bergauf geht. Seine Konkurrenten haben eine noch höhere Endgeschwindigkeit, was bei der gestrigen Zieldurchfahrt noch vom starken Rückenwind begünstigt wurde.
Am Dienstag dürfte es einen ähnlichen Etappenverlauf geben wie auf der zweiten Etappe. Eine kleine Ausreißergruppe versucht vergeblich ihr Glück und hinten machen die Sprinterteams Tempo. Auch da gibt es wie für alles im Leben grobe Richtlinien: Wenn eine Gruppe von drei Fahrern 120 Kilometer lang an der Spitze fährt, wird das jagende Feld im Finale rund sechs Sekunden pro Kilometer gutmachen können. Während die Fahrer vorne immer schwächer werden, teilen sich hinten 10 bis 15 Fahrer die Verfolgungsarbeit.
Deshalb wird der Vorsprung der Ausreißer nie so groß werden, dass es bei 30 noch zu fahrenden Kilometern viel mehr als 2:30 Minuten sind - zumindest auf den ersten drei Etappen vor dem Mannschaftszeitfahren. Nach den 67,5 Kilometern von Epernay nach Château-Thierry am Mittwoch wird die Gesamtwertung komplett auf den Kopf gestellt sein.
Auf dem Kopf stand am Montag auch das Saarland. Alle Fahrer, mit denen ich sprach, waren sich einig: Das letzte Mal, dass bei einer Flachetappe so viele Menschen kamen, war vor zwei Jahren, als die Tour in Freiburg gastierte. Der Radsport ist trotz der "Riesendummheit", wie Jan Ullrich selbst sein Drogenvergehen nennt, so lebendig wie vorher.
Tour sofort nach Deutschland
Das französische Publikum wird sich an den deutschen Fans in punkto Begeisterung messen lassen müssen. Doch schon jetzt müsse die Konsequenz eigentlich sein, die Tour de France ab sofort in Deutschland stattfinden zu lassen. Dann aber hätte der Champagner für den Sieger einen viel weiteren Weg zurückzulegen als bei der Etappe am Dienstag in die Champagne.
Im Zielort Reims sind sicherlich schon einige gute Tropfen kaltgestellt, für den Etappensieger, die Fahrer in Gelb, Grün und den Geburtstagskindern, die während der Tour das Wiegenfest begehen. Bei Temperaturen von rund 30 Grad schmeckt es aber sicher allen, am besten aber denjenigen, die auf das Gelbe Trikot trinken dürfen.
Ihr Marcel Wüst