Detlef Schrempf "Ich bin gerne eine Ware"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Schrempf, seit 20 Jahren leben Sie in Amerika und spielen zurzeit ihre 15. Saison in der NBA. Wissen Sie eigentlich noch, wo an ihrem Elternhaus in Leverkusen-Neuboddenberg ihr erster Korb hing?
Schrempf: Na, sicher. Meinen ersten Korb habe ich zusammen mit meinem Vater aufgehängt. Und zwar an der Hauswand, die direkt an der Straße lag. Der Basketballkorb war das Erste, was man sah, wenn man zu uns nach Hause kam.
SPIEGEL ONLINE: Gab es in Ihrer Familie noch einen Basketball-Fan außer Ihnen?
Schrempf: Nein. Mein Vater war natürlich Fußballfan, jeder Deutsche ist ja irgendwie ein Fußballfan. Aber er hat mir trotzdem rührend dabei geholfen, dass ich einen Korb bekomme.
SPIEGEL ONLINE: Wie?
Schrempf: Bei uns in der Nähe war eine Hochschule. Als die irgendwann neue Körbe gekriegt hat, haben mein Vater und ich ein altes Exemplar vom Müll geholt und mit der Sackkarre nach Hause gebracht. Dann haben wir den Korb gemeinsam renoviert und an die Hauswand geschraubt.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater hat über Sie gesagt, Sie seien "irgendwie anders". Was kann er damit gemeint haben?
Schrempf: Vor allem wohl zwei Dinge. Zunächst: Ich habe Basketball gespielt. Das war damals nicht normal. Normal war es, Fußball zu spielen. Basketball kannte fast keiner. Und dann ist da natürlich mein Ehrgeiz. Ich habe schon immer alles getan, um erfolgreich zu sein. Ich habe jede freie Minute Basketball gespielt. Mein Highschool-Trainer hatte ein Basketballfeld im Garten, und im Sommer habe ich dort jeden Nachmittag gespielt. Und auf dem College habe ich erst mit der Mannschaft trainiert und bin, nachdem ich meine Hausaufgaben gemacht hatte, wieder spielen gegangen.
SPIEGEL ONLINE: Ferien fanden nicht statt?
Schrempf: Da habe ich morgens mit ein paar Jungs Krafttraining gemacht und dann von 10 bis 16 Uhr auf drei verschiedenen Straßenplätzen gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie auf dem Freiplatz gelernt?
Schrempf: Alles. Tricks, Pässe, die Art und Weise, wie sich die Spieler bewegen. Das habe ich dann versucht zu imitieren.
SPIEGEL ONLINE: Ist Ihr Ehrgeiz auch der Grund dafür, dass Sie es in der NBA geschafft haben, andere Deutsche wie Chris Welp, Uwe Blab und Henning Harnisch aber nicht?
Schrempf: Na ja, jeder Mensch ist eben anders. Der eine hat Heimweh, der andere Verletzungspech, wieder anderen fehlt der Wille. Und einige Spieler sind einfach nicht gut genug. Ich habe mich täglich geschunden, stundenlang.
SPIEGEL ONLINE: Mit 17 Jahren sind Sie ganz alleine in die USA gegangen. War das ein schwerer Schritt?
Schrempf: Nein. Zu Beginn habe ich, bei meinem Highschool-Coach gewohnt. Der hatte vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Die haben mich sofort gut aufgenommen und wie einen neuen Bruder behandelt.
SPIEGEL ONLINE: Sie hatten kein Heimweh?
Schrempf: Doch, natürlich. Das Land war mir fremd, und ich konnte die Sprache nicht besonders gut. Ich hatte immer ein Wörterbuch bei mir und habe Vokabeln nachgeschlagen. Aber viele Worte habe ich gar nicht gefunden, weil sie so komisch ausgesprochen wurden. Und dann die Feiertage, an denen ich gerne zu Hause bei meinen Eltern gewesen wäre - das war schon nicht einfach.
SPIEGEL ONLINE: Was für ein Deutschlandbild haben Sie im Laufe der Zeit aus der Ferne entwickelt?
Schrempf: Deutschland ist mein Heimatland, ich bin dort aufgewachsen, meine Eltern und meine Schwester leben dort. Ansonsten gucke ich nicht so genau hin, was in Deutschland alles passiert. Ich weiß, wer Bundeskanzler ist, aber viel mehr kriege ich auch nicht mit.
SPIEGEL ONLINE: Inzwischen sagen Sie über sich, Sie seien amerikanisiert. Was meinen Sie damit?
Schrempf: Das soll heißen, dass ich jetzt eher der Nordwest-USA-Typ bin: Ich bin locker, nicht so gestresst und freundlich. Mit mir kommt man sehr gut aus.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ein Widerspruch, amerikanisiert zu sein, aber in der NBA als Export deutscher Tugenden zu gelten?
Schrempf: Nein, gar nicht. Ich bin ja in Deutschland aufgewachsen, und die Deutschen sind nun mal Arbeitstiere. Ich will viel erreichen, aber das kann ich nur, wenn ich viel dafür tue. Ich bin professionell, ich werde dafür bezahlt, bestimmte Dinge zu tun. Wenn ich um elf Uhr Training habe, dann parke ich nicht erst zwei Minuten vorher meinen Wagen vor der Halle.
SPIEGEL ONLINE: Lothar Matthäus, der deutsche Rekordkicker, ist im März nach langer Bedenkzeit in die USA gegangen. Standen Sie schon mal ähnlich wie er an einem Scheideweg?
Schrempf: Oh, ja. Eigentlich immer, wenn ein Vereinswechsel ins Haus stand. Letztes Jahr in Seattle zum Beispiel. Der Verein machte mir ein schlechtes Angebot, die Verantwortlichen dachten, ich würde sowieso bleiben. Da habe ich überlegt, ob ich aufhören soll. Denn ich wusste nicht, ob ich es mir und meiner Familie noch einmal antun wollte, umzuziehen. Die Kinder sind immerhin schon in der Grundschule, sie haben ihre Freunde in Seattle. Dann haben wir aber gesagt: Okay, du spielst noch mal in einer guten Mannschaft und versuchst Meister zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Entscheiden Sie immer gemeinsam mit der Familie?
Schrempf: Die Kinder haben in diesem Fall zum ersten Mal mitdiskutiert. Wir haben überlegt, ob ich alleine oder die ganze Familie nach Portland geht. Der große Sohn wollte erst nicht umziehen. Aber wir sind dann für ein Wochenende von Seattle nach Portland gefahren, haben uns alles angeguckt und dann beschlossen: Wir gehen gemeinsam.