Deutsche Judoka "Der absolute Tiefpunkt"
Sydney - "Wir sind auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt", gestand der Präsident des Deutschen Judo-Bundes (DJB), Karl-Dieter Schuchmann. Zum Abschluss der Wettbewerbe konnten nach dem Desaster bei den Männern auch die Frauen kein Edelmetall mehr verbuchen. Die Schwergewichtlerin Sandra Köppen hatte im kleinen Finale noch Chancen auf die Bronzemedaille im Schwergewicht über 78 Kilogramm, scheiterte aber an ihrer Kontrahentin Seo-Young Kim aus Südkorea und wurde Fünfte.
Der Deutsche Judo-Bund kehrt damit nur mit der von der Remscheiderin Anna-Maria Gradantein in der Klasse bis 48 Kilogramm gewonnenen Bronzemedaille aus Australien zurück und muss nach Olympia mit einer Kürzung der staatlichen Zuschüsse um etwa die Hälfte rechnen. Die deutschen Männer blieben zum ersten Mal überhaupt in der olympischen Judo-Geschichte ohne Medaille. Alle sechs eingesetzten Kämpfer scheiterten kläglich. Der verantwortliche Bundestrainer Dietmar Hötger hatte bereits vor dem Turnier seinen Dienst schriftlich quittiert und damit den Weg für einen Neuaufbau freigemacht.
Erfolgreichste Nation der Wettbewerbe am Darling Harbour war Japan mit vier Goldmedaillen. Kuba, China und Frankreich siegten je zweimal. Die letzten Olympiasiege sicherten sich im Schwergewicht der Franzose David Douillet sowie Hua Yuan aus China.
Die Pleite des deutschen Männerteams kam nicht überraschend: Bereits im Vorjahr war die Mannschaft bei der WM in Birmingham ohne Edelmetall abgereist. Die DJB-Verantwortlichen hielten dennoch an dem seit 1992 arbeitenden Bundestrainer fest. Hötger hatte 1996 Udo Quellmalz zum Gold geführt und deshalb einen neuen Vierjahres-Vertrag erhalten.
"Die Männer, die hier waren, sind unsere Besten", betonte der scheidende Trainer. "Aber sie haben nicht angegriffen, sondern gekämpft wie Favoriten, die etwas zu verlieren haben. Dabei waren sie doch die Außenseiter." Die angeblich vier besten deutschen Judoka marschierten schon nach ihrem ersten Vorrundenkampf friedlich vereint aus der Halle. Nur der Berliner Frank Möller und Florian Wanner aus Großhadern retteten sich in die Hoffnungsrunde, blieben aber am Ende auch unplatziert.
Der Neuaufbau des zudem überalterten Männerteams kommt zum ungünstigsten Zeitpunkt. 2001 richtet der DJB in München die WM aus. Der neue Bundestrainer - vermutlich Frank Wieneke, Olympiasieger von 1984 - steht dadurch von Dienstantritt an unter Druck.
Die Frauen konnten die Erwartungen wenigstens halbwegs erfüllen: Drei der fünf Kämpferinnen standen im Halbfinale. Am Ende zeigten ein dritter, zwei fünfte und ein siebter Platz laut Bundestrainer Norbert Littkopf, "dass wir in der Weltspitze mitmischen. Auch wenn zwei Medaillen mehr drin waren." Littkopf würde weiter als Bundestrainer arbeiten, "wenn ich noch gebraucht werde." Schuchmann mochte diese Frage nicht beantworten. Schließlich geht es auch um seinen Posten: In sechs Wochen stehen im DJB Präsidiumswahlen an.
Von Peter Stracke, sid