Deutsche Snooker-Talente Mit Drill zum Profi
Matthew Stevens entschied sich diesmal für beige. Er hatte sich seine kunstvoll gewobene Haartolle hell gefärbt, sie schlang sich halb um den Kopf des Walisers, doch sie behinderte ihn nicht. Bei der Northern Ireland Trophy gewann er ein spannendes Finale gegen den siebenmaligen Weltmeister Stephen Hendry mit 9:7 - auch das war etwas Neues. Im WM-Endspiel im Mai war der Snooker-Profi noch dem milchgesichtigen Underdog Shaun Murphy unterlegen. Seine Haare waren damals rot gefärbt.
Mit dem Einladungsturnier in Nordirland hat die Saison der Snooker-Profis wieder begonnen, und an ihrem Ende soll für Matthew Stevens nach zwei zweiten Plätzen endlich der ersehnte erste WM-Titel stehen. Der "walisische Drache" wäre dann am Ziel, nach zwölf Jahren als Snooker-Profi. Lasse Münstermann und Patrick Einsle wären schon froh, wenn sie überhaupt auf der Profi-Tour (Main Tour) dabei wären oder einen Spitznamen hätten. Die beiden sind Deutschlands derzeit hoffnungsvollste Talente im Kick mit dem Queue. Und für ihr großes Ziel sind sie nach England gegangen.
Das Ziel: Snooker-Profi
80 Kilometer nördlich von London, an der renommierten Snooker-Akademie von Rushdon, trainieren Münstermann, 26, und Einsle, 18, mit den Ex-Weltmeistern der Zunft ihren perfekten Stoß. Wer Profi werden will, muss nach England gehen und hart trainieren. Jeden Tag acht Stunden lang. Jungprofis aus Irland, Holland, der Schweiz, Island, Katar, Dubai, Thailand und China haben schon an den elf Tischen den perfekten Stoß geübt. Nun also die beiden Deutschen.
"Ich will innerhalb der nächsten fünf Jahre die Top 30 der Snooker-Profis erreichen", sagt Münstermann. Er ist eigentlich studierter Fachinformatiker, aber auch der amtierende deutsche Meister im Snooker. Bits und Bytes? Oder das große Geld auf der Profi-Tour? Münstermann hat sich für das zweite entschieden, dem Sport ordnet er mittlerweile alles andere unter. Und die vielen Trainingsstunden unter der Aufsicht erfahrener ehemaligen Champions zeigen Erfolge: Münstermann konnte sein höchstes Break, das sind die erspielten Punkte in einer Aufnahme, auf 140 Punkte verbessern.
Münstermann eigentlicher Rekord ist aber ein anderer: Der Mann aus Bielefeld ist der erste und einzige deutsche Snooker-Spieler, der sich jemals für die Main Tour der Profis qualifizieren konnte: Mit Hilfe einer Wildcard durfte er nach der Eurotour in der Saison 2000/01 bei den Großen reinschnuppern. "Bei meinem Debüt habe ich alle eigenen Erwartungen übertroffen", berichtet Münstermann. Seine Bilanz: zwei Siege und acht Niederlagen in den Qualifizierungsrunden zu den acht verschiedenen Turnieren. Kein berauschendes Erlebnis - aber nachhaltig genug, um den Sprung auf die Insel zu wagen.
Patrick Einsle ist acht Jahre jünger als Münstermann, aber schon länger in Rushdon. Seit November vergangenen Jahres trainiert er an der Akademie, nachdem er bereits im zarten Alter von elf Jahren den Queue zum ersten Mal in die Hand nahm. "Meine Schulkameraden haben meine Snooker-Ambitionen nie ernst genommen", sagt Einsle. Heute seien sie traurig, dass er die meiste Zeit in England spiele. Nach seinem Hauptschulabschluss hat sich auch Einsle voll auf Snooker konzentriert - sehr erfolgreich. Bei einem Turnier in Leicester vor zwei Jahren erzielte er sein höchstes Break im Wettkampf: 146 Punkte. Im Training gelang ihm sogar schon ein Maximum Break (147).
Auf den Spuren der Ex-Weltmeister
Seinen bislang größten Erfolg feierte der junge Deutsche Anfang April bei der U19-Europameisterschaft im russischen Jekaterinburg mit dem Erreichen des Halbfinales. Sein Siegeszug wurde erst in der Vorschlussrunde von Christopher Norbury mit 5:1 gestoppt. "Ich war doch sehr überrascht, so weit gekommen zu sein", erklärt Einsle. Im kommenden Jahr will er den Titel gewinnen. Dann könnte er auch schneller als erwartet gegen die Superstars wie Ronnie O'Sullivan auf den Turnieren der Main Tour spielen. Denn der U19-Europameister erhält automatisch eine Wildcard für diese Main Tour. Die anderen Jungprofis müssen sich über die acht Turniere der sogenannten Open Tour erst noch qualifizieren - und in Rushdons ganz eigener Atmosphäre trainieren.
Am Spieltisch wird nicht geraucht, Alkohol ist auch nicht erlaubt. Es herrscht eine professionelle Stimmung, vergleichbar mit der gespannten Atmosphäre eines Turniers. Manchmal klingelt auch ein Handy in der Tasche eines Spielers oder Trainers. Einer von ihnen ist Derek Hill; er hat schon Ex-Weltmeister Ronnie O'Sullivan und Stephen Lee betreut. In der Akademie schult er jetzt den Profinachwuchs. "Derek hat mich in kürzester Zeit auf Vordermann gebracht", sagt Münstermann. Trotzdem: Jeden Tag das volle Programm eines Snookerprofis durchzuziehen sei ihm noch nicht möglich. Denn zusätzlich zum Snookerdrill sollte der Jungprofi noch etwa 90 Minuten Ausgleichssport betreiben, eine Stunde Yoga machen oder meditieren; am besten an der frischen Luft. "Viel Freizeit bleibt da nicht. Und das ist manchmal gar nicht so einfach", sagt Münstermann.
Ruhe und Ausgeglichenheit ist das oberste Gebot eines Profis. Denn über Sieg oder Niederlage entscheidet nicht die Technik. "90 Prozent macht der Kopf aus", sagen Experten wie Hill. Als Gift für die Psyche hat sich das Arbeiten mit Videoaufzeichnungen für die beiden erwiesen. "Man sieht einfach zu viele Fehler und will dann gleich alles auf einmal verbessern", sagt Einsle, der mittlerweile auf den Kameraeinsatz während des Trainings verzichtet.
Ihren Einstand in die Profiszene haben die beiden Deutschen Mitte Mai beim ersten Turnier der Pontin's International Open Series in Prestatyn, Wales, gegeben. Der deutsche Meister schied bereits in der zweiten Runde gegen Alex Davies mit 1:4 aus. Der knapp 18-jährige Davis spielt schon im dritten Jahr in dieser Serie und belegte in der vergangenen Saison immerhin Platz 57 der Challenge Tour. Münstermann musste sich mit 102 britischen Pfund (155 Euro) Preisgeld trösten und mit 20 Wertungspunkten für die Open Tour. Kein Queuebruch, denn es kommen bei jedem Spieler nur die besten sechs Ergebnisse in die abschließende Wertung. Die ersten Acht der Rangliste haben im Sommer 2006 ihren Platz auf der Main Tour sicher.
Patrick Einsle kam diesem Ziel zwar etwas näher als sein Landsmann, scheiterte dann aber am 24-jährigen Schotten Bobby Cruickshanks mit 2:4 und verpasste somit das Achtelfinale. Blieben 40 Punkte für die Gesamtwertung und 153 Pfund (230 Euro) Preisgeld. Für Wohnung und Akademie bezahlen beide etwa 1000 Pfund (1500 Euro) pro Monat. Verpflegung, Reisekosten und Startgelder exklusive.