Deutscher EM-Start: Kantersieg mit Schrecksekunde - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutscher EM-Start Kantersieg mit Schrecksekunde

Oleg Velyky galt als Geheimwaffe der deutschen Handballer. Beim EM-Auftaktsieg gegen Weißrussland verletzte er sich am Knie - und fällt für den Rest des Turniers aus. Ausgerechnet Velyky, der bereits der große Pechvogel der vergangenen beiden Meisterschaften war.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Glück hält nur vier Minuten. Besser gesagt, das Knie von Oleg Velyky hält nur vier Minuten. Nach einem harmlosen Zweikampf bleibt die Nummer 10 der deutschen Handballer gekrümmt vor Schmerz am Kreis der Weißrussen liegen und umfasst mit beiden Händen das rechte Knie, als drohe es abzureißen. Dann humpelt der Rückraum-Allrounder vom Feld. Heiner Brands Miene verfinstert sich. "Nicht schon wieder Oleg", wird der Bundestrainer in diesem Moment gedacht haben.

Gerade 15 Minuten sind im EM-Auftaktspiel der Deutschen in Norwegen gegen Weißrussland vorbei, da sorgt Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier für traurige Gewissheit. Brands Frage, ob er Velyky wieder einwechseln könne, beantwortet der Mediziner mit einem kurzen, aber aussagekräftigen Kopfschütteln. Noch am Abend gibt es die niederschmetternde Diagnose: Meniskusanriss im rechten Knie - das Turnier ist für Velyky beendet. Obwohl Deutschland 34:26 (16:13) gegen Weißrussland gewinnt, ist keinem zum Feiern zumute.

"Ein Ausfall würde uns sehr wehtun", hatte Brand unmittelbar nach dem Schlusspfiff mit Sorgenfalten auf der Stirn gesagt. "Oleg hat nicht nur in der Anfangsphase gezeigt, wie wichtig er für uns ist, sondern auch in der Vorbereitung, wo er sich von Spiel zu Spiel gesteigert hat." Auch Kapitän Markus Baur, mit sieben Treffern erfolgreichster Schütze des Weltmeisters, bedauerte den frühen Ausfall des Rückraumkollegen. "Natürlich ist es nicht gerade motivierend, wenn ein so wichtiger Spieler nach wenigen Minuten verletzt raus muss", sagte Baur, der fünf von fünf Siebenmetern verwandelte.

Der Ausfall des 30-jährigen Velyky schien das Team frühzeitig von seiner Linie abzubringen. Zahlreiche Unaufmerksamkeiten in der Abwehr mündeten in einer knappen Halbzeitführung. Im Angriff funktionierte das Zusammenspiel insgesamt zwar deutlich besser als in der Defensive, doch ohne die vier Treffer des starken Rückraumschützen Holger Glandorf wäre das deutsche Team noch unzufriedener in die Kabine gegangen. "Vielleicht hat sich Olegs Verletzung unterschwellig negativ auf unser Spiel ausgewirkt", versuchte Linksaußen Torsten Jansen vom HSV Hamburg die schwache Leistung zu erklären.

Velyky war erst in der Winterpause von den Rhein-Neckar Löwen für 250.000 Euro nach Hamburg gewechselt. Sein künftiger Trainer Martin Schwalb erlebte die Schrecksekunde am Fernseher. "Wir müssen erstmal die endgültige Diagnose abwarten", sagte Schwalb SPIEGEL ONLINE. "Sollte der schlimmste Fall eintreten und Oleg wirklich schwerer verletzt sein, werden wir ihn so schnell wie möglich nach Hamburg holen und sehen, dass wir ihn fit bekommen", so Schwalb.

Am bittersten ist der Ausfall allerdings für Velyky selbst. Der Pechvogel verpasste bereits die vergangenen beiden großen Turniere aufgrund von Verletzungen. Fünf Tage vor der EM 2006 in der Schweiz riss Velyky das Kreuzband im rechten Knie. Vor der WM 2007 in Deutschland stoppte ihn ein Bänderriss im linken Fuß. Der gebürtige Ukrainer gehörte zwar während des kompletten Turniers zum Kader, konnte aber keine einzige Minute für den späteren Weltmeister auflaufen. Bereits im Jahr 2003 gab es den ersten herben Rückschlag in seiner Karriere. Die Ärzte diagnostizierten Hautkrebs, es dauerte eineinhalb Jahre, bis Velyky vollständig geheilt war.

Unabhängig von dessen Verletzung war Brand mit dem Spiel seines Teams alles andere als zufrieden. "Wir haben zu viele Fehler in Abwehr und Angriff gemacht. Erst nach der Hereinnahme von Jogi Bitter konnten wir uns entscheidend absetzen. Wir müssen uns noch deutlich steigern", so der 55-Jährige. Das sah auch Stammtorhüter Henning Fritz so, der seinen Platz zu Beginn der zweiten Halbzeit für den Hamburger Bitter räumen musste. "Wir sind nicht mit der Sicherheit ins Spiel gegangen, die wir gebraucht hätten."

Vielleicht lag die Verunsicherung auch an der ungewohnten Umgebung. Denn die Bergener hatten den Weltmeister in der zugigen "Haukelandhalle" am Stadtrand auf ihre Art und Weise empfangen. Eine Stunde bevor Baur und Co. das überklebte Parkettspielfeld betraten, "wässerten" zwei betagte Herren mit Eimern den Platz, um anschließend die letzten Bodenwellen mit einem Wischmopp aus dem Plastikteppich zu kehren. Die deutsche Bank bestand aus 15 Plastikstühlen, die man wohl in jeder Grundschule längst gegen modernere ausgetauscht hätte. Statt Lasershow und Tanzeinlage jaulte Michael Jackson bei der Eröffnung aus den scheppernden Lautsprechern. Vier norwegische Schönheiten trugen kurz vor dem Anpfiff etwas gelangweilt ein Transparent mit dem Logo des Europäischen Handball-Verbandes EHF in die Halle. Die obligatorischen Bumm-Bumm-Jingles nach den Toren wurden in der halbvollen Halle (nur etwa 2000 Zuschauer) kollektiv ignoriert.

Doch selbst diese ärmliche Kulisse hätte Velyky wohl gerne noch mal vom Feld aus erlebt. Seine Knieverletzung machte ihm nun einen Strich durch die Rechnung. Er war mit großen Hoffnungen in das Turnier gegangen - nach vier Minuten war es für den Pechvogel schon wieder beendet.

Mehr lesen über