Deutsches Basketball-Team: Auf Klassenfahrt - DER SPIEGEL
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Deutsches Basketball-Team Auf Klassenfahrt

Samstag ist Showtime: Die deutschen Basketball-Giganten haben ihren ersten Auftritt bei der WM in Japan. Vor allem NBA-Star Dirk Nowitzki ist die große Hoffnung beim Kampf um die Krone. Doch viel wichtiger für Bundestrainer Dirk Bauermann ist der Zusammenhalt im Team.
Von Martin Fünkele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ehre, Freundschaft und Altruismus. Davon träumt ein jeder Trainer in seiner Mannschaft. Dirk Bauermann hat all dies. Der Basketball-Bundestrainer darf sich glücklich schätzen, denn wenige Tage vor der WM-Eröffnung - Deutschland spielt am Samstagmorgen in Hiroshima gegen Gastgeber Japan - weiß er, dass die Chemie in seinem Team stimmt.

Deshalb ist Mithat Demirel, Aufbauspieler im Team des Deutschen Basketball Bundes (DBB), auch nicht sauer, wenn seine Mitspieler sich über ihn lustig machen. Denn mit 1,80 Meter ist Demirel der Kleinste im Team. An Witze über seine Körpergröße hat er sich längst gewöhnt. Wie jüngst, als die Kollegen vorschlugen, ihn im Kofferraum zu verstauen, weil vor einem Freundschaftsspiel in einem Busshuttle nicht ausreichend Platz war für die langen Kerle.

Dass die Männer um Dirk Nowitzki aber auch ernst machen können, haben sie nicht zuletzt bei der EM vor einem Jahr in Belgrad bewiesen. Nach dem Gewinn der Silbermedaille wurden die Spieler zur Mannschaft des Jahres gewählt. Für Kapitän und Center Patrick Femerling brachte "das Wunder von Belgrad" die Erkenntnis, "dass wir mit den Allerbesten mithalten können". Nicht weil man die besten und talentiertesten Spieler habe, "sondern weil wir eine gute Mannschaft sind. Jeder auf dem Feld reißt sich bis zum Schluss den Arsch auf. Nur so kannst du Spiele gewinnen."

Um Geld gehe es niemandem. "Es ist immer noch eine Riesenehre, Nationalspieler zu sein. Es gibt genug Spieler, die das nicht von sich behaupten können", sagt Femerling. "Wir sind alle hier, weil wir es wollen – um die Kohle geht es nicht." Ein bisschen sei es so wie auf einer "Klassenfahrt" beschreibt er die DBB-Tour.

Ademola Okulaja, wie Femerling Kapitän, fühlt sich dagegen mit dem Adler auf der Brust an seine Jugend in Berlin erinnert. Der in Lagos, Nigeria, geborene Forward (Spitzname "Warrior") sagt: "Es ist wie früher, als du raus gingst und dich mit den Jungs zum Zocken verabredet hast. Nur auf einem ganz anderen Niveau." EM-Vierter 2001, WM-Dritter 2002 und EM-Zweiter 2005 – das ist das Niveau auf dem die deutsche Mannschaft in den letzten Jahren "gezockt" hat.

Doch ohne Europas bester Basketballer wären diese Erfolge nicht möglich gewesen. Dabei scheint es so, als wolle Dirk Nowitzki gar nicht der Star im Team sein. Vielmehr setzt er auf die Gemeinschaft: "Durch die Freundschaften, die sich über die Jahre entwickelt haben, ist der Zusammenhalt in der Nationalmannschaft viel besser als in der NBA." Der 28-jährige Profi der Dallas Mavericks war bei drei der letzten vier internationalen Turnieren bester Werfer. Seiner Beschreibung nach gleicht das Nationalteam einer Studentenverbindung. "Wir essen zusammen, gehen zusammen weg, trainieren und fahren im Bus. Ich bin in Würzburg so aufgewachsen und ich vermisse diesen Zusammenhalt in der NBA."

"Das ist Euer Job, Ende"

Den Spagat zwischen Rollenspieler und Statist beschreibt Offensiv-Spezialist Robert Garrett: "In Belgrad wusste jeder, dass Dirk seine 30 Punkte macht. Die anderen schießen dann eben mal ein, zwei Dreier rein. Jeder kennt seine Rolle, das ist unser Vorteil." Mithat Demirel sagt: "Wir wissen wer unser bester Spieler ist. Und wenn du den Ball dann einmal nicht zurückbekommst, ist das keine Problem." Der Mannschafts-Atmosphäre habe man viel zu verdanken.

Sichtbar wurde dieser Teamgeist erstmals vor fünf Jahren. Im türkischen Badeort Antalya. Beim EM-Eröffnungsspiel gegen Estland fehlte Nowitzki in der Startaufstellung: akute Übelkeit und Erbrechen. Als er mit blassem Gesicht aus der Kabine kam, stand es 3:11. Auch Femerling fehlte, der hatte seine Schuhe vergessen. Die Partie wurde dennoch mit 92:71 gewonnen. Drei Tage später, das entscheidende Spiel um den Einzug in die Finalrunde: Deutschland liegt gegen Griechenland Mitte des zweiten Viertels mit 16:41 zurück. Wieder kämpft sich der spätere EM-Vierte zurück und gewinnt mit 80:75. Die Geburtsstunde einer großen Mannschaft.

Vom damaligen Kader stehen noch fünf Spieler im aktuellen WM-Aufgebot. Einer davon ist Garrett: "In dieser Mannschaft macht es auch Spaß, in 20 Minuten nicht einmal auf den Korb zu werfen und stattdessen einen Gegenspieler auszuschalten." Der Dienst an der Mannschaft geht bis zur Selbstverleugnung.

Damit das auch so bleibt, gibt Kapitän Okulaja den strengen Aufpasser. "Ich kann Mitspieler aufpeppen oder sie in ihre Schranken weisen." Als im Trainingslager auf Mallorca die Frischlinge Jan Jagla und Johannes Herber einmal vergasen den Dreck weg zu räumen, ermahnte sie Okulaja: "Das ist euer Job. Ende."

Denis Wucherer, der in diesem Sommer seine Karriere im Nationaltrikot beendete, glaubt sogar, dass durch den Zusammenhalt bei der WM Großes erreicht werden kann: "Wenn die Mannschaft einen ähnlich Chemie findet wie in Belgrad können sie jeden schlagen."