Deutsches Tennis: Zittern vor dem Abgrund - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutsches Tennis Zittern vor dem Abgrund

Während die weltbesten Tennisprofis um den höchsten Preisgeldetat der Geschichte spielen, hat der deutsche Verband wirtschaftliche Probleme. Zudem fehlt es an Talenten. "SPONSORs"-Autor Steffen Guthardt analysiert, wohin der Weg der einst so angesehenen Sportart führt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Spielervereinigung ATP geht es offenbar trotz der Finanzkrise offenbar so gut wie nie zuvor. Unter dem euphemistischen Begriff "player compensation" können die männlichen Tennisprofis seit dieser Saison insgesamt 80,7 Millionen Euro verdienen. Damit stieg das ausgeschüttete Preisgeld aus allen ATP-Turnieren in einem Zeitraum von nur zwei Jahren um satte 33 Prozent. Doch während die Nadals und Federers dieser Welt sich jeden ihrer Ballwechsel noch besser vergüten lassen, steht das deutsche Tennis am Scheideweg.

Tennisprofi Kiefer: Deutschland nur noch drittklassig

Tennisprofi Kiefer: Deutschland nur noch drittklassig

Foto: DPA

Mit sechs Wettbewerben der Profiserien ATP und WTA, die hierzulande derzeit ausgerichtet werden, befindet sich Deutschland bis dato noch in der Spitzengruppe mit Frankreich (sieben) und Spanien (sechs). Nur die USA können mit rund 20 Turnieren mehr Profitennis aufbieten. Doch der einstige deutsche Vorzeigeverband läuft mehr und mehr Gefahr, seinen Status als Ausrichter erstklassiger Turniere zu verlieren.

Das ATP-Turnier am Hamburger Rothenbaum musste nach einem Gerichtsbeschluss im August 2008 seinen bisherigen Status als Masters-Turnier bereits an Madrid abgeben. Damit wird der Wettbewerb im ATP-Ranking nur noch unter den sogenannten ATP 500 geführt und ist somit international in der Tennis-Drittklassigkeit gelandet. Davor rangieren die Spitzenevents des Tennisweltverbandes, die Grand-Slam- und Masters-Veranstaltungen.

Bereits am Ende ist das vom katarischen Tennisverband ausgerichtete Damenturnier in Berlin. Der katarische Verband hat den Wettbewerb ein Jahr vor Vertragsende an die WTA zurückgegeben. Die nun fällige Vertragsstrafe an die WTA in der Höhe des Turnierpreisgeldes von 451.000 Euro nimmt der Verband von Katar angesichts der Verluste der vergangenen Jahre wohl gerne in Kauf.

Übrig bleibt dem deutschen Damentennis mit dem Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart ein einziges Profiturnier. Bei den Männern sind es neben dem Hamburger Rothenbaum immerhin noch vier Veranstaltungen (BMW Open, Gerry Weber Open, Mercedes Cup und Arag World Team Cup). Keines davon hat ATP-Top-Status. Ein schneller Abstieg ins Tennis-Niemandsland droht.

Zudem krankt das öffentliche Interesse an den Spielen der Profis im Fernsehen bereits seit nunmehr zehn Jahren. Längst fristet der Tennissport in der Programmplanung der großen Medien-Anstalten ein Schattendasein. Die Übertragungen auf den Spartensendern Eurosport und DSF, in einer überschaubaren Dichte, sind nahezu die einzigen Fernsehbilder, die Tennis-Interessierte sehen können. Ausnahmen wie die Live-Übertragungen des WDR beim Düsseldorfer Arag World Team Cup fallen da kaum ins Gewicht.

In der zurückliegenden Saison konnte nur einer einzigen Ausstrahlung die Millionen-Zuschauer-Marke geknackt werden. 3,97 Millionen Menschen in Deutschland wollten das Spiel zwischen dem Deutschen Rainer Schüttler und dem Weltranglistendritten Novak Djokovic sehen – beim Tennisturnier der Olympischen Spiele in Peking.

Nachwuchsförderung im Ausland

Darüber hinaus klafft hinter den deutschen Top-Profis Nicolas Kiefer und Thomas Haas eine Lücke. Talente sind nicht in Sicht, während aus Spanien und dem aufstrebenden Serbien ein Spitzenspieler nach dem anderen auf die ATP-Tour kommt. Noch verheerender sieht die Situation im deutschen Damentennis aus. Dort befindet sich aktuell keine einzige Spielerin unter den Top 50 der WTA-Weltrangliste.

Dennoch versucht der DTB in diesen beunruhigenden Zeiten mit allen Mitteln, Geschlossenheit zu signalisieren. So wurde das umstrittene DTB-Präsidium um Georg von Waldenfels auf der Mitgliederversammlung vergangenen November in Hamburg geschlossen im Amt bestätigt. Überraschend, angesichts des gleichzeitig offengelegten Defizits von 2,3 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2007. So sank das Eigenkapital des Verbandes zum 31. Dezember 2007 im Vergleich zum Vorjahr von 10,67 auf 8,37 Millionen Euro.

Interessant ist auch, dass der DTB der Rothenbaum Sport GmbH 2007 noch einmal ein Darlehen von 1,6 Millionen Euro für die Aufwendungen des Hamburger Turniers gewährte. Der Darlehensvertrag besteht bereits seit 2005 und sieht eine jährliche Tilgung von 150.000 Euro vor. Hinzu kommt ein weiteres Darlehen, das der Stadion GmbH des Rothenbaums 2005 zur Sicherstellung seiner Liquidität gewährt wurde. Hier erfolgte 2007 eine Tilgung in Höhe von 200.000 Euro. Die Verbindlichkeiten des DTB gegenüber Kreditinstituten konnten von rund 834.000 Euro im Jahr 2006 auf 463.000 Euro in 2007 reduziert werden.

Hingegen weist die Jahresbilanz 2007 unter dem Punkt "Sonstige Verbindlichkeiten" einen Wert von 701.000 Euro aus, im Vorjahr waren dies nur rund 231.000 Euro. Die Verbindlichkeiten für "Lieferungen und Leistungen" stiegen im gleichen Zeitraum von 114.000 Euro auf 331.000 Euro an. Positiv zu bewerten ist, dass die Investitionen in den Breitensport von 163.000 Euro für 2006 auf 275.000 Euro für 2007 aufgestockt wurden.

Bei derart überschaubaren positiven Nachrichten überraschen die Statistiken des DTB umso mehr und geben gleichzeitig ein wenig Hoffnung. Nach eigenen Angaben ist der Verband mit über 1,5 Millionen Mitgliedern immer noch der mitgliederstärkste Tennisverband der Welt. Hinzu kämen rund 10.000 Tennisvereine und knapp 50.000 Tennisplätze im Bundesgebiet. Nimmt man die reinen Freizeitspieler hinzu, gibt es offenbar immer noch über vier Millionen Menschen, die regelmäßig zum Tennisschläger greifen.

Diese Perspektive möchte sich der DTB nun zunutze machen und die Nachwuchsförderung wieder in den Mittelpunkt der Verbandsarbeit stellen. Angedacht ist dabei ein neues Konzept, wie Erik Ballauff, Verbandsdirektor des DTB, verrät. So soll die breite Jugendförderung zugunsten einer intensiven, individuellen Ausbildung weichen. Zu diesem Zweck werden Deutschlands Top-Talente künftig in den renommierten Tennisinternaten in den USA, Spanien und Frankreich den nötigen Feinschliff für die Weltspitze erhalten. Dort ist im Gegensatz zu Deutschland eine spezifische Tennisförderung in der Regel mit einer allgemeinbildenden Ausbildung verknüpft.

Auf diesem Weg möchte der DTB das umsetzen, was in vielen der derzeit erfolgreichen Tennisnationen gang und gäbe ist. Ein gut gemeinter Ansatz, mit dem der DTB jedoch zugleich seine hausgemachten Defizite offenlegt. Denn Tennisschulen wie beispielsweise in Spanien sucht man in Deutschland seit Jahren vergeblich.