Deutschlandachter: Rhythmische Quälerei - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutschlandachter Rhythmische Quälerei

Die Erwartungen sind gewaltig: Nach dem souveränen Finaleinzug bei der Ruder-WM in Japan soll der Deutschlandachter am Sonntag endlich wieder Gold holen. Das Boot mit dem Mythos des jahrzehntelangen Erfolgs ist verjüngt worden - auch auf der wichtigsten Position sitzt ein Hoffnungsträger.
Von Jürgen Bröker
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gifu - Eine solche Schinderei hatte er bisher noch nicht mitgemacht. Mehr als drei Wochen Höhentrainingslager. Essen, Schlafen, Rudern. Essen, Schlafen, Kraft bolzen. Essen, Schlafen, Ergometertraining. Das waren die einzigen Tagesinhalte. Dort oben, in der Einsamkeit des österreichischen Maltatals, gab es sonst nichts. "Nur das eine Hotel", erinnert sich Andreas Penkner. Als sich am Ende des Trainingslagers in gut 2000 Metern Höhe dann auch noch kalter Regen zum gähnenden Nichts gesellte, hörte für Penkner der Spaß auf. "Zum Schluss war es nur noch reine Willenssache", sagt er.

Für Penkner waren die Strapazen neu, er ist erst 22 Jahre alt. Doch der Ruderer sitzt trotz seiner Jugend seit Herbst an der wichtigsten Position im Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes: Er ist Schlagmann im Deutschlandachter. Jenem Mythos mit den vier Silben, der alle Ruderer magisch anzuziehen scheint und der bei Großveranstaltungen eine ganze Nation vor dem Fernsehschirm versammelt. "Ich habe gut trainiert und im Herbst meine Chance bekommen", sagt er. Penkner hat sie genutzt. Durch harte Arbeit und Talent. Er selbst glaubt, dass auch ein Stück Glück eine Rolle gespielt habe: "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort."

Radikale Verjüngungskur

Als Penkner im vergangenen Herbst seine Chance bekam, stand das Boot vor einem Umbruch. Im Finale der Olympischen Regatta in Athen war der Achter hinter den Medaillen und damit auch hinter den hohen Erwartungen hergerudert. Enrico Schnabel beendete seine Karriere, Paul Dienstbach und andere legten eine Pause ein. Also besetzte Bundestrainer Dieter Grahn das Boot um und unterzog es wie schon nach der verpassten Olympiaqualifikation 2000 einer radikalen Verjüngungskur. Und wie damals wagte er auch in dieser Saison das Experiment mit einem sehr jungen Schlagmann. 2001 war es der 21 Jahre alte Michael Ruhe, der die Mannschaft bei seiner ersten WM gleich zu Bronze führte. In diesem Jahr soll Penkner ein ähnlicher Coup gelingen.

"Andreas ist nervenstark. Ein cooler Typ, der seine Motivation und Anspannung auch in Leistung auf dem Wasser umsetzen kann", sagt Grahn. Der 61-Jährige schätzt zudem Penkners Wettkampfhärte. Und er ist physisch stärker als sein Vorgänger Michael Ruhe. Bis zu 500 Watt zieht Penkner am Ergometer. "Wir sind jetzt in der Lage, offensiver zu fahren", sagt Grahn. Penkner selbst redet nicht so gern über sich und seine Qualitäten. Andere sollen ihn beurteilen. Der junge Schlagmann verkörpert eine "neue Ausdrucksweise des Achters", wie Grahn es nennt. Selbstbewusst will die Mannschaft ein Rennen von vorn gestalten, sich nicht danach richten, was die anderen machen. So wie auf dem Rotsee vor gut sechs Wochen. "Wir waren sehr konzentriert", sagt Penkner. "Und wir haben nur auf uns geschaut." Die acht Ruderer und ihr Steuermann Peter Thiede bildeten eine perfekte Einheit. Erstmals seit 1998 gewann wieder ein deutsches Boot die prestigeträchtige Regatta in Luzern.

200 Schläge pro Minute

"Das war ein perfektes Rennen", erinnert sich Penkner. "Wir waren am Start schnell, hatten in der Mitte kaum Abfall und konnten am Ende noch mal zulegen. Es ging fast mühelos." Kaum vorzustellen bei einer Sportart, die immer weh tut. Zuerst brennen die Beine, später die Arme, dann rasseln die Lungen. Gegen Ende eines Rennens treibt das Herz das Blut mit mehr als 200 Schlägen pro Minute durch den Körper. Aber in einem perfekten Rennen nehmen die Ruderer das so nicht wahr. Sie tauchen ab in einen Tunnel. Eintauchen, durchziehen. Kraft und Rhythmus der acht Ruderer sind dann völlig eins. Es ist fast so, als säßen nicht acht Männer im Boot, sondern nur einer. Sie verschmelzen mit dem Gesamtsystem. So hat es Roland Baar, der als Schlagmann des Großbootes fünf Weltmeistertitel und zwei olympische Medaillen gewann, einmal bezeichnet.

Das erklärt auch, warum man nicht einfach die stärksten acht Ruderer eines Landes in einen Achter setzten kann. Kraft allein reicht nicht aus. Entscheidend sind Harmonie und Rhythmus. Letzteren gibt Penkner als Schlagmann vor. Der Mann dahinter muss ihn auf die andere Seite bringen. Das Mittelschiff des Bootes nennt Bundestrainer Grahn gerne den Maschinenraum. Dort sitzen die stärksten Ruderer, sie nehmen den Schlag auf. Die Ruderer vorne im Bug stellen das Boot, balancieren es aus. Nur wenn dieses sensible Gefüge nirgendwo einen Ausreißer hat, kann das Boot seine ganze Stärke aufs Wasser bringen.

Finales Ziel Peking

Deshalb ist der Achter so etwas wie der Inbegriff einer Mannschaft. Wenn alle gemeinsam funktionieren, funktioniert das Boot. Auch darin liegt sicher ein Stück jenes Mythos begründet, der das Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes seit Ende der fünfziger Jahre umweht. Damals gewann das Team unter dem legendären Trainer Karl Adam die Europameisterschaft, 1960 in Rom dann sogar die olympische Goldmedaille. Allein bis zum Jahr 1968 führte der Ruder-Professor die Mannschaft zu zwei weiteren Welt- und vier Europameistertiteln. Außerdem holte das Boot bei den Spielen 1964 die Silber- und 1968 erneut die Goldmedaille. Auch in den späteren Jahren ruderte der Achter unter anderen Trainern immer wieder erfolgreich - der letzte WM-Titel liegt allerdings schon zehn Jahre zurück.

Insgesamt schiebt der Achter eine Bilanz vor seinem Bug her, die einem jungen Athleten Angst machen kann, weil sie ihn unter Erfolgsdruck setzt. Die Siege bei der Royal-Henley-Regatta vor gut 100.000 Zuschauern und auf dem Rotsee in diesem Jahr haben die Erwartungshaltung noch weiter nach oben geschraubt. "Sicher ist dadurch der Druck gestiegen", sagt Penkner. "Aber die Siege haben uns auch Selbstvertrauen gegeben." Für die WM in Gifu hat er ein klares Ziel vor Augen. "Wir wollen eine Medaille, aber dafür muss es ein fast perfektes Rennen werden."

Die junge Mannschaft will dem alten Mythos wieder neues Leben einhauchen. Fünf der acht Ruderer sind 24 Jahre oder jünger. Sie hat beste Perspektiven für die Olympischen Spiele 2008 in Peking. "Man hat immer das Nahziel vor Augen. Das ist die WM", sagt Penkner. "Aber bei jedem sind die Olympischen Spiele natürlich im Kopf." Er zählt sich selbst zu den Athleten, die 2008 um die Plätze im Achter kämpfen werden. Allerdings weiß er auch, dass er sich Jahr für Jahr weiter entwickeln und seine Leistung immer wieder neu beweisen muss. Und das heißt für ihn vor allem eines: Die Schinderei hat noch längst kein Ende.