Deutschlandtour Comeback des Mittelstürmers
Hannover - Der Deutschen Telekom blies am Dienstag der Wind scharf ins Gesicht. In Köln musste Konzernchef Ron Sommer aufgebrachten Anteilseignern den rapiden Wertverfall der T-Aktie erklären, auf dem Friedrichswall in Hannover fasste Mario Kummer, Sportlicher Leiter des Team Telekom, enttäuscht die erste Etappe der Deutschlandtour zusammen: "Man muss zufrieden sein." Andreas Klöden, Telekom-Kandidat für den Gesamtsieg, der auf Platz 17 ins Ziel fuhr, schüttelte nach dem Finale in der niedersächsischen Hauptstadt den Kopf: "Das war eine komische Zielrunde mit viel Wind und scharfen Kurven." Erik Zabel verschwand wortlos.
Zabel am Ellenbogen verletzt
Womit die erfolgsverwöhnten Pedaleure aus Bonn zufrieden sein müssen, ist der zweite Platz von Zabel auf der 209,9 Kilometer langen Flachetappe durch norddeutsche Käffer wie Bullenhausen, Vögelsen, Radbruch oder Embsen, auf der der böige Wind den 142 Fahrern das Leben schwer machte. Bei Stürzen verletzte sich Zabel am Ellenbogen, Michael Rich (Team Gerolsteiner), Vizeweltmeister im Zeitfahren, musste auf Grund eines Mittelhandbruchs sogar aufgeben.
Im Massensprint vor dem Alten Rathaus Hannovers unterlag Zabel Mapei-Fahrer Tom Steels, dem nach langer Krankheit ein tolles Comeback gelang. Monatelang war der Belgier durch Pfeiffersches Drüsenfieber geschwächt gewesen, nur wenige Experten hatten den neunfachen Etappensieger der Tour de France auf der Rechnung gehabt. Doch der 29-jährige Steels war es, der als Erster über die Ziellinie schoss und nach 5:04,43 Stunden jubelnd die Arme hochriss.
Blutverschmierte Knie
Sekundenbruchteile zuvor waren Steels, Zabel und fünf weitere Fahrer nur knapp einem spektakulären Massensturz entkommen, der zahlreiche Sprinter wie Thorsten Wilhelms vom Team Nürnberger schwer zu Fall brachte. Der Lokalmatador musste mit Schnittwunden und Prellungen ins Krankenhaus. Während sein italienischer Mapei-Kollege Paolo Bettini mit blutverschmierten Knien seine Rennmaschine ins Ziel schob, freute sich Steels derweil ungeniert über seinen Sieg und streifte stolz das Weiße Trikot des Gesamtführenden über.
"Wir Sprinter sind die Mittelstürmer des Radsports", lautet ein Bonmot des Belgiers. Der Erfolg in der Expo-Stadt 2000 war ein Treffer gegen seinen Sprintrivalen von Telekom: "Es war wichtig, Zabel zu besiegen, gerade im Hinblick auf die Tour de France." Bei der Frankreich-Rundfahrt strebt Steels in diesem Jahr an, das Abonnement Zabels auf das Grüne Trikot zu kündigen.
Steels wie eine Granate
Der 1,79 Meter große, 73 Kilogramm schwere Steels besitzt alle körperlichen Voraussetzungen dafür, allein die Psyche kann dem privat zurückhaltenden, höflichen Belgier einen Strich durch die Rechnung machen. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" bezeichnet Steels als "Granate". Tatsächlich droht der belgische Hobby-Guitarrist im Schlussspurt alles zu sprengen. Wie 1997 auf der sechsten Etappe der Tour de France. Nach einer Rempelei mit Frederic Moncassin schleuderte Steels dem Franzosen bei Tempo 70 wutentbrannt seine Trinkflasche hinterher - und wurde von der Tour-Leitung ausgeschlossen.