DHB-Erfolg gegen Island Die Rückkehr des Rückraums
Sogar auf der Bank muss Holger Glandorf noch arbeiten. Als der 1,95 Meter-Mann nach 56 Minuten von Bundestrainer Heiner Brand eigentlich seinen völlig verdienten Feierabend antreten will, warten noch ein Dutzend Hände auf ihn. Die Ersatzspieler und der Betreuerstab wollen mit Glandorf abklatschen. Der rechte Rückraumspieler setzt artig einen Fuß vor den anderen und lässt es ein letztes Mal für heute mit den Händen krachen.
Glandorf hatte sich die Anerkennung der Kollegen und der 1380 Zuschauer in den 48:34 Minuten, die er beim 35:27 (17:12) gegen Island auf dem Platz stand, mehr als verdient. Mit neun Treffern war der 24-Jährige der erfolgreichste Torschütze im Team der Deutschen. Auch seine Torquote von 75 Prozent konnte sich sehen lassen. Folgerichtig wurde der schüchterne Schlacks, der sein Geld trotz besserer Angebote bei der HSG Nordhorn verdient, zum besten Spieler der Partie gekürt.
Auch nach dem Abpfiff war noch lange nicht Schluss. Glandorf musste sich von Kamera zu Kamera über diverse Mikrofone zur Pressekonferenz in der Trondheimer EM-Halle durcharbeiten. Der Rummel war der fleischgewordenen Reinkarnation des deutschen Rückraumspiels gar nicht recht. Fast schon verlegen blinzelte der Mann, dessen Vater kurz vor Beginn der Europameisterschaft überraschend verstorben war, in das Scheinwerferlicht der Kameras. "Wir hatten uns vorgenommen, dieses Spiel zu gewinnen, das haben wir zum Glück auch geschafft", sagte Glandorf.
Der Mann, der nach jedem Tor mit beiden Fäusten jubelt, als balanciere er ein Tablett vom Buffet an den Esstisch, wollte lieber über das Team reden als über seine eigene Leistung. "Wir haben 45-50 Minuten mit sehr viel Druck im Angriff gespielt, darauf können wir aufbauen." Am Ende ließ er sich dann doch noch auf eine etwas individuellere Aussage ein: "Ich weiß, dass ich besser spielen kann als in der Vorrunde. Aber ich hatte auch ein bisschen Pech", so Glandorf. Das war sogar noch untertrieben, kein anderer deutscher Spieler warf so oft gegen Pfosten und Latte, wie Holger Glandorf.
Ego-Shooter als Vorbereiter
Auch auf der linken Rückraum-Seite lief es heute deutlich besser als gegen Spanien. Pascal Hens, ab und an als Ego-Shooter im deutschen Team unterwegs, zeigte sich deutlich treffsicherer als gegen die Spanier. Fünf seiner neun Versuche fanden ihr Ziel - eine Quote von 56 Prozent. Zudem legte der Rückraum-Riese immer wieder geschickt für die Kreisläufer ab. "Ich habe keine Probleme mit der Kritik der letzten Tage gehabt", sagte der Hamburger schulterzuckend. "Ich weiß selber, dass ich es besser kann."
Die Partie glich über weite Strecken der ersten Halbzeit einem Testspiel. Nach acht Minuten lag Deutschland bereits 6:0 in Führung, Island wirkte lust- und hilflos. Nach zehn Minuten war es dann doch soweit: Jogi Bitter, der von Bundestrainer Brand erneut den Vorzug vor Henning Fritz erhielt, musste den ersten Ball aus den weißen Maschen holen. Der Gummersbacher Gudjón Sigurdsson, einer der wenigen Isländer, der an diesem Nachmittag auf sich aufmerksam machen konnte, hatte zum 1:6 getroffen. Als es nach 23 Minuten 14:5 für Deutschland stand, glaubte keiner mehr daran, dass dieses Spiel noch mal kippen könnte.
Zum Ende des ersten Durchganges schlichen sich dann allerdings einige Nachlässigkeiten ein. Vorne wurde zu früh geschossen, hinten stand die Abwehr plötzlich nicht mehr so konzentriert. So musste der glücklose Bitter in den letzten sechs Minuten gleich sechsmal hinter sich greifen. Nach 40 Minuten waren die Isländer plötzlich auf zwei Tore herangekommen (22:20). "Zum Glück haben wir uns dann wieder gefangen und uns in der Schlussphase zunehmend wieder Luft verschafft", sagte Brand nach dem Spiel.
"Ganz spezielles Spiel gegen Frankreich"
Der Bundestrainer weiß, dass sich sein Team morgen gegen Titelfavorit Frankreich (18.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) keine Auszeit dieses Ausmaßes nehmen darf. "Wir spielen morgen gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt, es wird auf jeden Fall schwer", so der 55-Jährige. Gegen Spanien bewiesen die Franzosen, dass sie einer der Topfavoriten auf den EM-Titel sind.
Der 28:27-Sieg kann aber am Ende auch für Deutschland noch von Bedeutung sein. Derzeit führt Frankreich die Zwischenrunde mit sechs Zählern vor Deutschland (vier Punkte) an. Spanien hat lediglich zwei Zähler aus der Vorrunde mitgebracht. Wenn Deutschland alle Zwischenrundenspiele gewinnt, ist das Team sicher für das Halbfinale am kommenden Samstag in Lillehammer qualifiziert.
Allerdings wird das Spiel gegen Frankreich kein Spaziergang. Die Franzosen verfügen mit dem Rechtsaußen Luc Abalo sowie dem meist auf der Mittelposition agierenden Daniel Narcisse über zwei treffsichere Ausnahmehandballer. Auf Halblinks fungiert mit dem Kieler Champions-League-Sieger Nikola Karabatic einer der derzeit besten Handballspieler der Welt, am Kreis müssen Roggisch und Co. den Hamburger Bertrand Gille stoppen.
"Die Jungs sind gut drauf, das wird ein ganz spezielles Spiel morgen", kündigt Hens mit erstaunlicher Selbstsicherheit an. Sein Erfolgsrezept hat er schon heute verraten: "Geduld".