DHB-Kapitän Baur Trainer auf dem Feld
Die Zukunft ist nicht sein Thema. Markus Baur kann das Gerede über seine mögliche Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking nicht mehr hören. Er konzentriere sich gerade auf die EM, danach komme sein Trainerjob in Lemgo und was dann im Sommer passiere, werde man sehen, sagt er. Trotzdem kann er sich der Diskussion um das, was kommen wird, nicht entziehen. Denn es ist eine besondere Situation. Seit Anfang des Jahres gibt es den Handball-Spieler Markus Baur eigentlich nicht mehr. Zumindest nicht im Verein. Seit dem 1. Januar läuft sein Vertrag als Trainer und Sportdirektor beim TBV Lemgo.
Nun soll der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft den amtierenden Weltmeister auch bei der Europameisterschaft in Norwegen (17. Januar bis 27. Januar) noch einmal zu Edelmetall führen. Baur sei einer seiner wichtigsten Spieler - auf und neben dem Platz, betonte Bundestrainer Heiner Brand zuletzt. Er und auch die Mannschaft wollen nicht auf ihn verzichten.
Ohnehin ist es kaum vorstellbar, dass Baur nicht mehr selbst aufläuft, um die Mitspieler auf dem Feld zu lenken. Bald 37 Jahre ist er alt. Mehr als 200 Länderspiele hat er für Deutschland bestritten. Baur ist eines der markantesten Handball-Gesichter der jüngeren Vergangenheit und gar nicht aus dem Nationalteam wegzudenken. Er war an allen großen Erfolgen des DHB-Teams beteiligt.
Auch für die EM hat er klare Ziele. "Natürlich wollen wir bei der EM etwas holen. Aber wir gehen nicht so vermessen an die Sache heran, dass wir sicher eine Medaille gewinnen", sagt er. Wie eng die Weltspitze beieinander liege, habe man ja schon bei der WM gesehen. Vor fast genau einem Jahr begann das, was später "Wintermärchen" genannt wurde. Eine riesige Euphorie trug das Team zum Titel. Eine schöne Erinnerung, sagt Baur: "Aber wir konzentrieren uns auf das, was vor uns liegt, und sind nicht mit den Gedanken noch bei der WM."
In Norwegen wartet ohnehin ein ganz anderes Turnier auf die deutsche Mannschaft als noch vor Jahresfrist bei der WM. Als Weltmeister sind die Männer von Heiner Brand die Gejagten. Die Erwartungen in der Heimat sind groß. Im hohen Norden können sie zudem nicht auf die Unterstützung der Zuschauer setzen.
"Wir werden schon versuchen, die Euphorie bei uns im Team auszulösen und gut ins Turnier zu starten, damit wir in einen Lauf kommen. Und dann werden wir auch spüren, dass in Deutschland wieder etwas los ist", sagt Baur. Für ihn ist es wichtig, dass die Mannschaft den bestmöglichen Handball spielt. "Wenn wir uns nach der EM nichts vorzuwerfen haben, dann denke ich, haben wir auch etwas in der Hand."
Egal, ob er am 27. Januar noch einmal eine Medaille in der Hand hält oder nicht. Nach der EM beginnt auf jeden Fall eine neue Zeitrechnung. Statt wie gewohnt auf dem Feld die Fäden zu ziehen, muss er sich dann von der Seitenlinie einbringen. Ein wenig merkwürdig mutet die Situation schon an. Vielen seiner Mannschaftskollegen aus dem Nationalteam muss Baur künftig in Lemgo als Trainer sagen, wo es langgeht. Florian Kehrmann zum Beispiel. Mit ihm habe er geschätzte 190 Länderspiele bestritten, sagt Baur. Schwierigkeiten erwartet er aber nicht. "Es geht schließlich um das gemeinsame Ziel, dass man verfolgt. Und da ist es klar, dass einer die Richtung vorgibt", sagt er. Baur hat Erfahrung als Chef - er war es auch stets auf dem Feld. "Markus hat als Spieler immer wieder gezeigt, dass er der verlängerte Arm des Trainers war. Nicht nur hier in Lemgo, sondern auch in der Nationalmannschaft", sagt Volker Zerbe. Der Geschäftsführer des TBV Lemgo hat selbst viele Jahre gemeinsam mit Baur auf dem Platz gestanden. So wie der Dritte der neuen Führungstroika beim TBV, der sportliche Leiter Daniel Stephan.
Die Drei schätzen sich, wissen, wie der andere tickt. "Das macht die Zusammenarbeit sicher leichter", sagt Baur. Die Wertschätzung untereinander ist deutlich zu spüren, wenn sie übereinander reden. "Man hat einen gehörigen Respekt voreinander. Jeder weiß, was der andere kann und dass man sich aufeinander verlassen kann. Trotz der Freundschaft können wir aber sehr kontrovers diskutieren. Das ist sehr wichtig", sagt Baur. Auch deshalb musste er nicht lange überlegen, als das Angebot aus Lemgo vorlag.
Sogar als potentzieller Erbe Heiner Brands wird er schon gehandelt. Doch solche Gedankenspiele findet Baur selbst geradezu "pervers". Grundsätzlich sei der Job als Bundestrainer zwar immer interessant. Aber zum jetzigen Zeitpunkt wisse er doch nicht einmal, ob er ein erfolgreicher Bundesliga-Trainer werde. Er wird ausreichend Gelegenheit bekommen, das unter Beweis zu stellen.
Doch zunächst wartet die EM und wer weiß, vielleicht kommen im Sommer auch noch die Olympischen Spiele dazu. Es wären seine vierten, die Goldmedaille fehlt ihm noch. Brand hat bereits signalisiert, dass er in Peking nicht auf seinen Kapitän verzichten möchte. Mangelnde Spielpraxis hin oder her. "Wenn Markus fit ist, nehme ich ihn mit", hat Brand unlängst gesagt. Wie er das schaffen will, darüber möchte Markus Baur sich erst nach der EM Gedanken machen.