DHB-Oldies Dino-Doppel brilliert am Kreis
Unzählige Male musste sich Christian Schwarzer seinen Torhüter Henning Fritz zur Brust nehmen. Wie in der 35. Minute. Schwarzer hatte dem Kieler die Wurfecke des tunesischen Siebenmeterschützens hinter dessen Rücken angezeigt. Fritz befolgte den Rat des Routiniers und parierte den Ball. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits 22:14 für Deutschland stand, sprang Schwarzer in den Kreis, klatschte mit beiden Armen über dem Kopf mit Fritz ab. Dann ließen beide wie schon ein halbes Dutzend Mal zuvor ihre Brustbeine als Zeichen der Freude und Stärke aneinander krachen.
Solche emotionalen Ausbrüche sah man bis zur Nachnominierung Schwarzers nur selten. Seit "Blacky" nach mehr als zwei Jahren Abstinenz für den verletzten Andrej Klimovets in den Kader nachrückte, stimmt die Körpersprache im DHB-Team. Beim 35:28-(19:11)-Sieg im zweiten Zwischenrundenspiel gegen Tunesien traf das besonders auf Fritz zu. Der 32-Jährige, der nach Christian Schwarzer und Kapitän Markus Baur zu den Dinosauriern im Team gehört, findet zur alten Form zurück.
"Ich habe aufgehört, mich übermäßig zu ärgern und versuche lieber, die Energie in positive Emotionen umzuwandeln", sagte Fritz nach einem Klassespiel. 16 von 39 Torversuchen entschärfte der Mann, den sie aufgrund seiner Intellektuellenbrille im Team nur den "Professor" rufen. Sein Geheimrezept ist die Anteilnahme: "Wenn ich mich über die Tore der Jungs freue, gibt mir das die nötige Kraft für positive Emotionen", philosophierte Deutschlands Nummer eins.
Spätestens nach seinem heutigen Auftritt ist ihm der Platz in der Stammformation nur noch schwer streitig zu machen. "Die letzte Zeit hat die Kritik überwogen. Da bin ich froh, dass ich der Mannschaft so helfen konnte", sagte Fritz.
Unter tosendem Applaus räumte Fritz in den letzten fünf Minuten der Begegnung den Kasten zu Gunsten seines Konkurrenten Johannes Bitter. Der Magdeburger umarmte Fritz dabei, als hätte er einen alten Schulfreund nach einem Jahrzehnt zufällig wieder getroffen. Konkurrenzkämpfe zwischen Torhütern im Handball sind keineswegs mit denen im Fußball zu vergleichen, schon gar nicht mit der Dimension Lehmann gegen Kahn. Handballtorhüter respektieren sich, freuen sich für den Erfolg des anderen und stellen persönliche Animositäten zum Wohle der Mannschaft zurück. Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass sich die Verhältnisse ganz schnell wieder ändern können.
Doch davon will Bundestrainer Heiner Brand erstmal nichts wissen: "Henning war heute der beste Spieler des Spiels. Wir brauchen ihn einfach, um erfolgreich zu sein" - solche individuellen Streicheleinheiten hört man sonst selten aus dem Mund des 54-Jährigen. Fritz habe aus einer überzeugenden Mannschaft herausgeragt, attestierte Brand. Diese Worte dürften sich wie Balsam auf die gereizte Seele des Torwartes legen, der seinen Stammplatz beim Bundesliga-Tabellenführer und Serienmeister THW Kiel längst verloren hat - in Kiel stehen sich mit Frankreichs Nationaltorhüter Thierry Ohmeyer und Schwedens Nummer eins Mattias Andersson die Weltklasse-Keeper auf den Füßen.
Die nötige Wettkampfpraxis, um endlich wieder in Form zu kommen, musste sich Fritz in der Vorbereitung in Freundschaftsspielen mit der DHB-Auswahl holen. Die letzten Hemmungen legte er dann während der Vorrunde ab. Auch mit Hilfe des heimlichen Bundestrainers Schwarzer, der am Spielfeldrand heute mehr Kilometer abspulte, als manch ein Spieler der restlos enttäuschenden Tunesier auf dem Feld.
Der 37-Jährige hatte Mitte der ersten Hälfte Sebastian Preiß am Kreis abgelöst und war sich auch nicht zu schade, seine Knochen immer wieder gemeinsam mit Oliver Roggisch in den Mittelblock zu werfen. Dadurch konnten sich der Abwehrchef und seine Defensivkollegen wie Markus Baur ein wenig für die beiden schweren letzten Partien der Zwischenrunde gegen Island und Frankreich schonen. Besonders für Roggisch war die Unterstützung durch den Oldie eine willkommene Verschnaufpause: "Ich hatte Probleme mit dem Rücken, daher war ich froh, dass ich 'Blacky' an meiner Seite hatte. Er ist ein absoluter Motivator", so der Magdeburger.
Trotz seiner nicht zu übersehenden Körperfülle war Schwarzer nach Paraden von Fritz, der drei von vier Siebenmetern entschärfen konnte, stets der erste, der am Kreis der Tunesier die Arme hoch riss. Frei nach dem Motto: Ihr habt mich in einer Notsituation geholt, jetzt spielt mich gefälligst auch an.
Genau das tat Torsten Jansen in der 41. Minute. Seine Ablage am Sechsmeterraum versenkte Schwarzer mit einem frechen Heber zum 23:14. Danach ging es im Laufschritt wieder zurück zum Kreis - zum Brustbeinreiben mit Henning Fritz.