Dieter Baumann "Auf dem Scheiterhaufen"
Köln - Wie der SPIEGEL in seiner neusten Ausgabe berichtet hat sich der des Dopings verdächtigte Leichtathletik-Olympiasieger Dieter Baumann einem Test am Lügendetektor unterzogen, um seine Unschuld zu beweisen. Ob dieser Versuch zur Freisprechung führt, oder im Nachhinein als Verzweiflungstat bewertet wird, steht zur Debatte. Vor Gericht jedenfalls wird dem suspendierten 5000-Meter-Olympiasieger von 1992 der am 25. März vorgenommene erfolgreiche Test im psychologischen Institut der Universität Köln nichts nützen. Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs von 1998 sind Testergebnisse des unter Fachleuten Polygraph genannten Lügendetektors in Strafprozessen nicht als Beweismittel erlaubt.
Zwar trägt der 34-jährige Tübinger weiterhin Optimismus zur Schau, den Ernst seiner Lage jedoch beschreibt er selbst mit drastischen Worten: "Ich bin auf dem Scheiterhaufen und da tanzen die Leute mit Fackeln herum und warten darauf, dass einer das Feuer entzündet. Man radiert mich weg. Ich könnte mich bei einer Tankstelle bewerben und dort die Nachtschicht übernehmen."
Auch am 18. Mai in Darmstadt wird Baumann der "Glauben" des Lügendetektors kaum helfen. Dann steht vor dem Oberlandesgericht die öffentliche Verhandlung über seinen vom Landgericht abgeschmetterten Antrag auf einstweilige Verfügung an, mit der er seinen Start bei der Olympia-Qualifikation am 27. Mai in Troisdorf bei Bonn erzwingen will. Eine vorläufige Aufhebung der Suspendierung hat der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bereits zweimal verweigert.
"Mir geht es vor allem darum, meine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen", sagt Dieter Baumann, der nach seinen positiven Dopingproben vom 19. Oktober und 12. November 1999 Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatte, weil angeblich seine Zahncreme von dritter Seite mit dem in seinem Urin gefundenen Muskelaufbaupräparat Nor-Androstendion versetzt worden war.
Den Lügendetektor-Test schildert der SPIEGEL im Detail. Dabei habe der Kölner Professor Udo Undeutsch Dieter Baumann und seiner Frau Isabelle zehn Fragen gestellt. Das Ganze fünfmal hintereinander, in verschiedener Reihenfolge. Die wichtigste von ihnen: "Haben Sie sich jemals wissentlich ein anaboles Steroid zugeführt?"
Die Ergebnisse seiner Apparatur verarbeitete Undeutsch in einem "physiopsychologischen Gutachten". Der Kernsatz: Es bestehe eine "Wahrscheinlichkeit von etwa 95 Prozent dafür, dass Herr Baumann wahrheitsgemäß in Abrede stellt, dass anabole Steroide mit seinem Wissen und durch eigenes Handeln in seinen Körper gelangt sind".
Nach einer weltweit angewandten Methode werden Werte von "plus 6" und höher, so der Psychologe, "als eindeutiger Hinweis darauf angesehen, dass die tatbezogenen Fragen wahrheitsgemäß verneint worden sind". Baumann erreichte "plus 10", seine Frau und Trainerin Isabelle "plus 7". Der Polygraph misst Blutdruck, Schweiß und Hautdurchblutung.
In den USA, wo die Methode als Beweismittel vor Gericht üblich ist, gab es nach Spiegel-Recherchen bereits einen Fall im Sport. Die des Dopings beschuldigte Schwimmerin Jessica Foschi, ihr Trainer und ihre Eltern bestanden 1995 Polygraphen-Tests erfolgreich. Daraufhin hob der amerikanische Schwimm-Verband die bereits verhängte Sperre wieder auf.
Der DLV-Rechtsausschussvorsitzende Wolfgang Schoeppe (Ansbach) legt derweil vor allem Wert auf die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Tübingen in der "Zahnpasta-Affäre". Erst nach deren Bekanntwerden will das Gremium über die vom DLV-Präsidium beantragte Zwei-Jahres-Sperre gegen Baumann entscheiden.
Das Landeskriminalamt in Stuttgart soll nach SPIEGEL-Informationen inzwischen herausgefunden haben, wie die fragliche Zahnpasta manipuliert wurde: Nur eine Farbe der rot-weißen Creme (Signal) sei mit der Dopingsubstanz versetzt worden. Der Attentäter müsse diesen Teil mittels einer Kanüle herausgezogen, ihn mit Nor-Androstendion vermischt und wieder hereingepresst haben.