Diskuswerfer Robert Harting vor der WM in Moskau - DER SPIEGEL
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Diskus-Star Robert Harting: Der Goldjunge

Foto: DOMINIC EBENBICHLER/ REUTERS

Diskuswerfer Harting "Es hilft, wenn man fit da oben ist"

Robert Harting ist eine der größten deutschen Gold-Hoffnungen für die Leichtathletik-WM in Moskau. Im Interview erklärt der Diskus-Olympiasieger, warum er sich über seinen störrischen Kopf freut und weshalb DOSB-Chef Thomas Bach kein guter Sportfunktionär ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Harting, Sie reisen als Titelverteidiger und Olympiasieger zu den Weltmeisterschaften in Moskau. Zuletzt waren Sie mit sich aber nicht wirklich zufrieden. Was war los?

Harting: Die Bewegung stimmte nicht richtig, ich habe jeden Tag wie verrückt geübt und ausprobiert, um herauszufinden, wo die Probleme liegen. Das war aufwendig.

SPIEGEL ONLINE: Kennt man seinen Körper und seine Technik nach so vielen erfolgreichen Jahren an der Weltspitze nicht ganz genau?

Harting: Das ist ja das Schwierige. Wenn sich im Automatismus ein winziger Fehler einschleicht, ist es umso komplizierter, den wieder herauszubekommen. Diskuswurf ist technisch sehr anspruchsvoll, vor dem Abwurf gibt es drei, vier Positionen, die man perfekt durchlaufen muss. Genau da war ich ein bisschen schlampig geworden. Ich musste die alte Kassette neu bespielen, weil das Lied leierte.

SPIEGEL ONLINE: Können wir uns für Moskau wieder auf eine Harting-Show einstellen?

Harting: Das hoffe ich doch! Die Show, die ich für die Kameras und fürs Publikum mache, ist ja aber nur die eine Sache. Das wird erwartet und gehört dazu. Im Wettkampf kommt es nur auf die richtige Show in meinem Kopf an, die, die keiner mitbekommt. Und da bin ich zum Glück ganz gut drin.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als außergewöhnlich nervenstark. Meinen Sie das?

Harting: Mein Kopf steht mir oft genug im Weg, aber er hilft mir auch, in neue Leistungsbereiche zu gelangen. Andere müssen sich mental vieles antrainieren, mit sportpsychologischer Hilfe, bei mir ist das schon da. Das heißt nicht, dass die anderen Pfeifen oder schlechtere Sportler sind, aber es hilft, wenn man fit da oben ist. Dafür bin ich dankbar, ich hätte sonst keine einzige Medaille um den Hals hängen.

SPIEGEL ONLINE: Wann steht Ihnen Ihr Kopf im Weg? Wenn Sie sich wieder einmal mit Sport-Funktionären anlegen?

Harting: Ich sage eben, was ich denke. Vor allem kann ich es nicht ertragen, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle. Das führt bis in meine Kindheit in der DDR zurück. Meine Familie war immer vielen sozialen Ungerechtigkeiten ausgesetzt, das hat mich schon als kleiner Junge angekotzt. Damals hat sich in mir gegen jegliche Form von Diskriminierung oder Unrecht ein Widerstand aufgebaut, der mich durchs Leben trägt.

SPIEGEL ONLINE: Und der Sie manches Mal zu wenig diplomatischen Aussagen verleitet?

Harting: Das ist mir egal, ich kann es auch gar nicht vermeiden. Wenn man zehn, 20 Interviews innerhalb von zwei Wochen gibt, dann kommt man nicht drumherum, mal zu sagen, wen einem was gegen den Strich geht. Man kann ja nicht jeden Tag nur gute Stimmung verbreiten. Ich bin keiner, der irgendjemandem etwas vorgaukelt, weder Journalisten noch mir selbst. Auch wenn das immer wieder behauptet wird: Ich verfolge mit meinen Aussagen keine Strategie. Das kommt, wie es kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden aber gern als Sprachrohr der Athleten bezeichnet.

Harting: Nur weil ich den Mund aufmache. Wenn alles in der Welt und im Sport gerecht zuginge, müsste ich auch nichts sagen.

SPIEGEL ONLINE: Was widerfährt Ihnen denn für ein Unrecht?

Harting: Meiner Meinung nach herrscht ein enormer Abstand zwischen den Athleten, die ihre Leistung bringen und für ihre Nation kämpfen, und denen, die darüber verwalten. Es mag an der Größe und der Bedeutung dieses Landes liegen, in dem wir leben, aber das ist das Hauptproblem im Leistungssport: der Verlust des Kontakts zur Basis. So wie es in kapitalistischen Firmen oft passiert. Gäbe es eine engere Verbindung und wüssten die da oben, was bei uns wirklich abgeht, könnten sie auch bessere Arbeit leisten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen schlagen Sie als direkt Betroffener vor?

Harting: Beziehungen lassen sich nicht von heute auf morgen aufbauen. Würde jetzt plötzlich ein Funktionär hier vorbeikommen und sagen: Hey, Robert, wie sieht's denn aus? Wo hakt es, wo hast du Probleme? Dann würde ich dem das nicht erzählen. Ich kenne ihn nicht und kann ihm also nicht vertrauen. Ich habe keine Ahnung, ob dieser Fremde wirklich meine Bedürfnisse repräsentiert oder mich nur aushorchen möchte. Es müsste richtig Lobbyarbeit der Großen geleistet werden, damit das mit uns klappt. Nur ein Funktionär, der ehrlich und regelmäßig die Nähe der Athleten sucht, ist ein guter Funktionär. Wer die Sportler hinter sich hat, wird auch keine falschen Entscheidungen treffen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als hätten Sie es bislang vor allem mit schlechten Funktionären zu tun gehabt.

Harting: Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei DOSB-Präsident Thomas Bach habe ich das Gefühl, es ging ihm noch nie um etwas anderes, als IOC-Präsident zu werden. Er ist nur damit beschäftigt, den interessieren weder wir noch sein Amt beim Sportbund wirklich. Es lohnt sich gar nicht, darüber nachzudenken, wie es mit ihm besser werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Funktionäre auch im Kampf gegen Doping das Wesentliche, die Basis aus dem Blick verloren haben?

Harting: Da stimmt doch gar nichts, das hat nichts mit der Realität zu tun. Für mich gehören Dopingsünder nicht zwei, sondern mindestens fünf Jahre gesperrt. Auch vier Jahre sind zu wenig, die kann man mittlerweile überbrücken. Bei fünf Jahren überlegt man sich das, denn in der Zeit wandelt sich der Körper so, dass man ein anderer Mensch ist. Ich habe mit 24 Jahren völlig anders geworfen als ich mit 30 werfen werde, weil sich mein Körper in den Jahren verändert hat. Das kann ich nur in den Griff bekommen, wenn ich regelmäßig Wettkämpfe habe, mich vergleiche und justiere. Das sollte Dopingsündern genommen werden. Dann überlegen sich das bestimmt noch mal 80 Prozent. So lange hältst du dich auch finanziell nicht über Wasser, mit dem, was du als Leichtathlet vorher verdient hast.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber Verbände und Juristen, die sagen, dass eine Sperre von mehr als zwei Jahren einem Arbeitsverbot gleichkäme.

Harting: Das ist doch völliger Quatsch. Wenn du bei Lidl an der Kasse was klaust, bist du auch raus. Das ist krimineller Betrug.

Das Interview führte Sara Peschke