Don King im Interview: "Lügen war unser Kerngeschäft" - DER SPIEGEL
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Box-Promoter Don King: Hail to the King

Foto: Axel Heimken / dpa

Promoter-Legende Don King "Lügen war unser Kerngeschäft"

Was haben Johannes der Täufer, Joseph Goebbels und Donald Trump gemeinsam? Laut Don King wären sie exzellente Box-Promoter gewesen. Ein Gespräch über Boxen und Politik.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 46 Jahren Box-Promoter. Wie hat sich der Sport in dieser Zeit verändert?

King: Boxen ist immer noch Boxen. Aber die Kämpfer haben nicht mehr so viel Leidenschaft wie früher. Muhammad Ali und George Foreman ging es nicht darum, ob sie im Fernsehen zu sehen sind oder wie viel Geld sie verdienen. Sie haben für die Menschen geboxt. Früher waren die Kämpfer gezwungen, dem Publikum in der Halle etwas zu bieten. Sie mussten direkt mit den Menschen in Kontakt treten. Heute haben sie so viele verschiedene Optionen und Möglichkeiten, Hunderte TV-Sender und dazu noch das Internet. Das verwirrt viele.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich die Arbeit der Box-Promoter verändert?

King: Ja, eindeutig. Heute ist alles viel transparenter. Als ich angefangen habe, war Lügen unser Kerngeschäft. Heute muss man die Wahrheit sagen - oder das, was die Leute für die Wahrheit halten. Früher war es leichter, Geschichten zu erfinden. Das macht den Job heute schwieriger.

SPIEGEL ONLINE: Am Samstag gibt es eine Titelvereinigung im Schwergewicht zwischen Anthony Joshua und Joseph Parker. Das ist ein großer Kampf. Warum sprechen so wenige Menschen darüber?

King: Es gibt einfach keine guten Promoter mehr. Als Promoter muss man sein wie Johannes der Täufer. Man muss herausschreien, dass jemand kommt, der größer ist als man selber. Jemand, dem ich es nicht wert bin, die Schuhe zu binden. Aber davon versteht heute niemand mehr etwas.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich immer auch selbst promotet und sind bekannter als viele Ihrer Boxer. Wie haben Sie das gemacht?

King: Mit Nähe zu den Menschen. Man muss sein Publikum lieben, um diesen Job zu machen. Und man darf sich nicht aufspielen wie Gott und so tun, als stehe man über irgendjemandem. Ich schaue nicht auf die Menschen runter, nur weil sie zu mir aufschauen. Ich freue mich, dass sie überhaupt mit mir sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Boxsport gekommen?

King: Durch Muhammad Ali. Er hat mich in dieses Business geholt. Ich war sein Fan und habe mir all seine Kämpfe angesehen. Dann haben sie ihn ins Exil geschickt und mich in den Knast gesteckt.

SPIEGEL ONLINE: ...weil Sie einen Menschen zu Tode getrampelt haben.

King: Ich habe in der Vergangenheit Fehler gemacht und für meine Sünden gebüßt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie genauer beschreiben, was passiert ist?

King: Es gab diesen Typen, der mir Geld schuldete. Ich bin auf der Straße aufgewachsen. Da regelte man das von Mann zu Mann. Er ist unglücklich gestürzt. Solche Sachen passieren leider.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die Straße, in der das passiert ist, später nach Ihnen benannt wurde?

King: Viele Straßen auf der ganzen Welt wurden nach mir benannt. Ja, auch eine in meiner Heimatstadt Cleveland, Ohio. Ich habe nie darum gebeten, es kamen immer Leute auf mich zu, die mich ehren wollten.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu Ihren Anfängen im Boxsport.

King: Als ich aus dem Gefängnis kam, gab es dieses Krankenhaus, das Hilfe brauchte. Da habe ich Muhammad angerufen, und er ist sofort gekommen. Danach hat er gesagt, ich sei der größte Promoter, den er je gesehen habe, und dass ich unbedingt im Boxen bleiben müsste. Meine Antwort war: Ich mache das nur, wenn ich dich promoten darf. Da hat er sofort gesagt: Abgemacht, du hast mich. Er war der erste Boxer, den ich unter Vertrag hatte.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Mensch war Muhammad Ali?

King: Er war einfach der Größte aller Zeiten, ein außergewöhnlicher Mensch, der bereit war, alles aufzugeben, nur um für das einzustehen, woran er glaubt. Bei vielen Menschen, die ihr Leben für ihre Ideale opfern, versteht man erst lange nach ihrem Tod, was sie geleistet haben. Nur in den seltensten Fällen kann man sie dabei beobachten, wie sie die Welt verändern. So eine Ausnahme war Muhammad Ali.

SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer ersten Veranstaltungen war der "Rumble in the Jungle" zwischen Ali und George Foreman. Wussten Sie, dass die Menschen noch Jahrzehnte später über diesen Kampf sprechen würden?

King: Nein, das konnte damals niemand ahnen. Aber ich wusste, dass wir etwas Besonderes tun. Ali und ich, wir haben uns zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen das System der weißen Überlegenheit zu kämpfen. Der "Rumble in the Jungle" war erst nur eine Idee, dann wurde daraus ein Embryo, der immer weiter gewachsen ist. Und am Ende war es das Leben selbst mit all seinen Höhen und Tiefen. Es war hart, anstrengend und es gab ein paar Momente, die andere Menschen traumatisiert hätten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hatte der Kampf?

King: Boxen war nur eine Plattform. Es ging darum, dunkelhäutige Menschen zu befreien, die jahrhundertlang gelitten hatten und unterdrückt worden waren. Man muss sich das mal vorstellen: Wir mussten der Welt erklären, dass Schwarze menschliche Wesen sind, weil sie vorher entmenschlicht worden waren. Die Weißen hatten das getan, um sich selber besser zu fühlen. Wir haben das aufgebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ali und Foreman haben Sie auch Mike Tyson promotet. War er wirklich ein Ausnahmetalent, oder wurde er einfach besser vermarktet als andere?

Mike Tyson und Don King 1995

Mike Tyson und Don King 1995

Foto: Rusty Kennedy / AP

King: Bei Tyson stimmte das Gesamtpaket. Es gab in der Geschichte mit Sicherheit bessere Boxer als ihn, es gab auch härtere Puncher. Es gab Leute, die besser aussahen und besser reden konnten. Aber es gab niemanden, bei dem die Komponenten so gut zueinander passten. Wir haben ihn zum "baddest man on the planet" gemacht, und er hat die Prophezeiung erfüllt. Mehr kann man sich als Promoter nicht wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Später kam es zum Bruch zwischen Ihnen und Tyson. Er behauptete, Sie hätten ihn bestohlen.

King: Das ist natürlich alles Unsinn. Wir haben gemeinsam viel Geld verdient. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt 86 Jahre alt, haben in Ihrem Leben alles erreicht und mit dem Boxen ein Vermögen verdient. Warum setzen Sie sich nicht zur Ruhe und genießen Ihr Leben?

King: Diese Frage stelle ich mir ständig. Die Antwort lautet: Es geht nicht um mich. Solange ich auf dieser Welt bin, bin ich ein Diener der Menschen. Ich möchte meine Erfahrung weitergeben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre letzten großen Erfolge liegen schon lange zurück. Haben Sie keine Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden?

King: Ich habe den Begriff Scheitern aus meinem Wortschatz gestrichen. Es gibt Rückschläge, aber es gibt kein Scheitern. Ich brauche keine Erfolge und kein Geld mehr. Mir geht es inzwischen um andere Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Worum konkret?

King: Um Frieden. Nelson Mandela hat zu mir gesagt: Sie tun viel fürs Boxen, aber sie müssen noch mehr für den Weltfrieden tun. Von dem Punkt an wurde ich Friedensbotschafter in jedem Land, in das ich komme. Der Grund ist, dass ich Dinge sagen kann, die Politiker nicht sagen dürfen. Ich bin unabhängig und unparteiisch. Ich bin froh und dankbar, dass ich das alles tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie immer schon ein politischer Mensch?

King: Wir alle sind politische Wesen. Ich hatte und habe persönliche Beziehungen zu allen Präsidenten der Vereinigten Staaten seit Jimmy Carter. Ich habe viele sehr tiefgründige Gespräche geführt und dabei aufschlussreiche Erkenntnisse gesammelt, die ich gerne weitergebe.

SPIEGEL ONLINE: Warum unterstützen Sie Donald Trump? Und wie passt das zu Ihrem Kampf für Frieden?

King präsentiert seinen Donald-Trump-Pin

King präsentiert seinen Donald-Trump-Pin

Foto: Axel Heimken/ picture alliance / Axel Heimken/dpa

King: Ich unterstütze Donald Trump, weil er das System stürzen und ein neues aufbauen will. Er bringt all diese Dinge ans Tageslicht, die von vielen Leuten unter den Teppich gekehrt werden. Er zeigt uns die ganze Bigotterie, den religiösen Fanatismus, den Rassismus, die Spaltung der Gesellschaft, die Diskriminierung.

SPIEGEL ONLINE: Weist er nur auf diese Probleme hin, oder ist er Teil und Ursprung vieler Probleme?

King: Trump ist sicher kein Heiliger, aber er ist auch kein Rassist. Er ist Realist. Er gibt uns die Chance, über uns selbst und das System nachzudenken. Er ist wie ein Blitzableiter, der alles sichtbar macht. Was er tut, ist unvorhersehbar und unkontrollierbar, und man kann ihn nicht kaufen. Man bekommt genau das, was man sieht. Er kämpft an allen Fronten. All die Diskussionen, die seinetwegen geführt werden, sind gut und hilfreich. Man kann kein Problem lösen, das nicht existiert. Er zeigt uns, welche Probleme wir haben. Jetzt müssen wir gemeinsam nach Lösungen suchen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Donald Trump ein guter Box-Promoter geworden?

King: Oh ja! Aber einen noch besseren hattet ihr in Deutschland. Joseph Goebbels war der Meister der Propaganda. Er hat die Macht des Wortes verstanden. Die Menschen glauben das, was sie vorgesetzt bekommen. Wenn man vier oder fünf Lügen immer und immer wieder wiederholt, kann man damit die Massen überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Vergleichen Sie gerade Donald Trump mit Joseph Goebbels?

King: Nein, ich schweife ab. Wo waren wir stehen geblieben?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt, Trump sei unkontrollierbar und unvorhersehbar. Erinnert er Sie in diesem Punkt an Sie selbst?

King: Ganz genau! Es gibt drei bemerkenswerte Persönlichkeiten auf der Welt: Eine ist Don King, eine ist Donald Trump und eine ist Kim Jong Un. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, vor allem den Antrieb, immer nach der Wahrheit zu suchen und von Menschen geliebt zu werden.