Doping-Affäre Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Basso
Rom - Die römische Staatsanwaltschaft leitete heute Ermittlungen gegen Basso und Scarponi wegen "Sportbetrugs" ein. Giro-Sieger Basso hatte am Montag vor dem Nationalen Olympischen Komitee, Coni, "geplantes Doping" zugegeben und dies gestern wiederholt; später gestand auch Scarponi seine Verbindung zum Madrider Arzt Eufemiano Fuentes.
Basso und Scarponi könnten bereits in den nächsten Tagen vernommen werden, wenn die Coni-Unterlagen bei Staatsanwalt Paolo Ferraro eingegangen sind. Beiden Fahrern drohen wegen Verstoßes gegen das im Jahr 2000 in Kraft getretene Antidoping-Gesetz zwischen drei Monaten und drei Jahren Haft sowie hohe Geldbußen. Allerdings hat bislang noch nie ein Sportler eine Gefängnisstrafe absitzen müssen. Gegen Basso ermittelt bereits die Staatsanwaltschaft der norditalienischen Stadt Bergamo wegen mutmaßlichen Verkaufs verbotener Substanzen an Fitnesszentren. In die Affäre ist auch Bassos Schwester Elisa verwickelt.
Unterdessen geht in Italien die Angst um, der Radsport könnte durch den Fall Basso weiter in Mafia-Nähe gerückt sein. "Sie haben Angst, zu reden. Sie fürchten Schlimmes. Diese Jungs sind Opfer, umgeben von Managern, Ärzten und Handlangern", sagte Coni-Chefermittler Ettore Torri im italienischen Fernsehen. Torri kündigte weitere Gespräche mit Basso und Scarponi an und will sich persönlich bei der Welt-Anti-Doping-Agentur, Wada, für eine Reduzierung der üblichen Zwei-Jahres-Sperre auf die Hälfte einsetzen.
"Das gesamte Dopingsystem von Fuentes dargelegt"
Die Kritik, die Basso für sein gestriges Zurückrudern weltweit hatte einstecken müssen, kann Coni-Chef Gianni Petrucci nicht nachvollziehen. Vielmehr sei es "das erste Mal, dass ein Topathlet kooperiert. Ich stehe zu Ivan und habe exzessivem Moralismus schon immer misstraut", so Petrucci. Zudem deutete Bassos Anwalt Massimo Martelli in einem Interview mit der "Gazzetta dello Sport" an, dass sein Klient bei seiner Aussage vor dem Komitee womöglich mehr preisgegeben habe als auf der Pressekonferenz gestern. "Ivan hat seinen Fall betreffend beim Coni alles erzählt. Er kann ja nur für sich sprechen. Die Fahrer fuhren ja nicht in Bussen zu Fuentes nach Spanien", sagte Martelli.
Laut "Gazzetta dello Sport" ist Scarponi viel weiter gegangen als Basso bei seiner persönlichen Erklärung gestern vor Hunderten Journalisten. Im Verhör mit den Anti-Doping-Ermittlern des Coni habe der ebenfalls geständige Radprofi "in zwei Stunden das gesamte Doping-System von Fuentes dargelegt", meldete die Sporttageszeitung heute.
Während die beiden Italiener wohl im Sinne der Karriererettung und des eigenen Rufes zumindest Teilgeständnisse abgelegt haben, fehlt von Jan Ullrich weiter jeglicher Kommentar. Bei seinem neuen Team Volksbank liegt die Zusammenarbeit immer noch auf Eis, wie Radsport-Manager Thomas Kofler der dpa bestätigte. Das zweitklassige Team aus Österreich nimmt im Sommer mit einer Wildcard an der Deutschland-Tour teil und musste deshalb den Ethik-Code der Wada unterschreiben. Dies bedeutet, dass eine Zusammenarbeit mit unter Doping-Verdacht stehenden Personen nicht erlaubt ist.
Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, erklärte in einem Interview mit der "Welt", es bringe nichts, Ullrich zu einem Geständnis aufzufordern, "wenn er sagt, er habe nichts zu gestehen. Zu was ich ihn aufgefordert habe, ist, reinen Tisch zu machen und sich vollumfänglich zu äußern, aber das hat alles nicht gefruchtet", so Bach.
Der Sportausschuss-Vorsitzende des Deutschen Bundestages, Peter Danckert, hat Ullrich unterdessen erneut ein vertrauliches Vier-Augen-Gespräch angeboten. "Jetzt gibt es für Jan Ullrich noch eine Chance, sich mit einer Vorwärtsstrategie klar zu positionieren, welches Ausmaß die ihm vorgeworfenen Doping-Verstrickungen haben", sagte der SPD-Politiker. Ullrich könne sich in der Doping-Affäre durch "klare Äußerungen über sein Mitwirken, aber auch über die Beteiligung seiner medizinischen Betreuer vom Druck befreien", so Danckert.
goe/sid/dpa