Doping Baumann auf Spuren von Katrin Krabbe
Tübingen - Die dritte Tube in der Zahnpasta-Affäre um Dieter Baumann war nicht manipuliert. Das erklärte der Anwalt des wegen Dopingverdachts suspendierten 5000-Meter-Olympiasiegers, Dr. Michael Lehnert, am Dienstag: "In der Tube ist nichts gefunden worden. Dieter Baumann war übernervös, als er sie abgab." Der die kriminalpolizeilichen Ermittlungen leitende Tübinger Oberstaatsanwalt Dr. Hans Ellinger bestätigte die Lehnert-Aussage: "Ich habe zwar kein schriftliches Ergebnis vorliegen, aber es gibt keinen Anhaltspunkt, der auf neue Erkenntnisse hindeutet."
Wäre die von Baumann ("eine Panikreaktion") Mitte Januar nach einem Trainingslager in Portugal abgegebene Zahncreme ebenfalls mit Nandrolon versetzt gewesen, hätte dies mehr neue Fragen aufgeworfen als alte beantwortet. Baumann wäre dann ebenso gut als Drahtzieher wie als Opfer der Zahnpasta-Manipulation in Frage gekommen, gegenüber der Staatsanwaltschaft hätte er sich möglicherweise wegen Vortäuschung einer Straftat verantworten müssen.
Wie die Kripo feststellte, war die ominöse dritte Tube erst Anfang Dezember von Baumann gekauft worden, also deutlich nach den positiven Dopingproben vom 19. Oktober und 12. November. Die wiederum erklärt der 34-jährige Tübinger durch die Manipulation zweier Zahnpasta-Tuben aus seinem Besitz durch Dritte, deshalb hatte er Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
In ihrer Verteidigungsstrategie schwenken Baumann und sein Heidelberger Anwalt offenbar immer stärker auf die juristische Schiene um: "In Richterkreisen hat es in den letzten Wochen zahlreiche Diskussionen gegeben, in denen auch die Krabbe-Urteile zur Sprache kamen. Keiner meint mehr ernsthaft, dass die Beweislast-Umkehr noch rechtlich haltbar wäre", sagte Dr. Lehnert. Baumann, der nach gängiger Sportgerichtsbarkeits-Praxis seine Unschuld beweisen muss, um einer Bestrafung zu entgehen, erhielt zuletzt Rückendeckung vom DLV-Athletenbeauftragten Dr. Steffen Brand: "Der DLV darf sich nicht mit positiven Dopingproben begnügen und auf die Beweislast des Athleten verweisen."
Gleichwohl gibt Baumann die Anschlagtheorie und die Suche nach dem angeblichen Täter nicht auf: "Ich werde ihn finden, das ist wie bei jedem Lebensmittelvergifter - eines Tages prahlt er damit", sagte der Tübinger im italienischen Tirrenia, wo er in den beiden letzten Wochen seine Olympia-Vorbereitung unbeirrt fortsetzte.
Derweil ist das bereits für vergangene Woche angekündigte Gutachten des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IMBP) immer noch nicht bei der Staatsanwaltschaft eingetroffen. Dieter Baumann und sein Anwalt erhoffen sich durch die Arbeit von Dr. Fritz Sörgel entlastende Indizien. Sie sollen eindeutig nachweisen, dass die verbotene Substanz über die Mundschleimhaut in den Körper gelangt ist.
Immer noch nicht befragt wurden von der Kripo die von dritter Seite als Verdächtige für die Zahnpasta-Manipulation ins Spiel gebrachten Dr. Bernd Schubert (leitender Bundestrainer und Ex-DDR-Cheftrainer) sowie Stephane Franke (10.000-Meter-EM-Dritter). Der Oberstaatsanwalt sieht offensichtlich keine Dringlichkeit, die beiden letzten der insgesamt rund 30 relevanten Zeugen zu befragen: "Die Polizei hat den Auftrag, dies bei Gelegenheit zu tun. Aber das sind Dinge, die momentan nicht auf den Nägeln brennen."