Doping Baumann soll freigesprochen werden
Stuttgart - Wegen "erwiesener Unschuld" werde der Rechtsausschuss des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) am Freitag die Suspendierung von Dieter Baumann aufheben, sagte Baumanns Anwalt Michael Lehner am Donnerstag. Damit könnte der Läuferstar trotz zweier positiver Dopingproben vielleicht schon am Sonntag bei der Olympia-Qualifikation in Nürnberg an den Start gehen.
Der DLV, der eine zweijährige Sperre für Baumann fordert, zeigte sich völlig überrascht von der Neuigkeit. "Mir hat einer der beiden Beisitzer versichert, dass der Rechtsausschuss noch nicht entschieden hat", sagte DLV-Rechtswart Clemens Prokop.
Laut Lehner hat der Rechtsausschuss am Donnerstagmorgen die Befunde der Schamhaar-Analyse Baumanns erhalten. "Die Haaranalyse beim französischen Wissenschaftler Pascal Kintz hat keinerlei Rückstände von Dopingmitteln in den letzten 18 bis 24 Monaten aufgewiesen. Dies beseitigte die letzten Zweifel beim Rechtsausschuss", erklärte der Anwalt. Nach seinen Worten wird das DLV-Präsidium, das die zweijährige Sperre Baumanns beantragt hatte, diese Entscheidung voll akzeptieren. DLV-Präsident Helmut Digel bestätigte: "Wenn der Rechtsausschuss im Sinne Baumanns entscheidet, haben wir diese Entscheidung zu respektieren. Ich habe immer gesagt, dass der Rechtsausschuss ein unabhängiges Gremium ist. Das Kontrollsystem des DLV wird jetzt nicht zusammenbrechen."
Auch die Zustimmung des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF ist für Lehner nur noch eine Formalie: "Meines Wissens ist schon die Zustimmung des IAAF zum Start von Dieter Baumann in Nürnberg unterwegs." Er werde jedenfalls am Sonntag auf der Tribüne sitzen und sich den Lauf von Baumann anschauen, kündigte Lehner an. Der Olympiasieger von 1992 will dort die Olympia-Norm des DLV über 5000 Meter erfüllen.
"Wir haben eine Startnummer für ihn reserviert", hatte der Direktor des Sportfestes "Live 2000", Ludwig Franz, angekündigt. "Wenn ich bis Sonntag 14 Uhr ein entsprechendes Signal vom Rechtsausschuss-Vorsitzenden Wolfgang Schoeppe aus Ansbach und von der IAAF aus Monte Carlo habe, darf Baumann laufen."
Der Generalsekretär des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), Istvan Gyulai, fragte zwar: "Wie könnte Baumann freigesprochen werden nach zwei positiven Dopingproben?" Der Ungar räumte aber ein, dass dies bei außerordentlichen Umständen möglich sei. Die IAAF werde die Entscheidung des DLV-Rechtsausschusses überprüfen und bei einem Freispruch Baumanns dann entscheiden, ob es den Beschluss akzeptiere oder seinerseits seinen Rechtsausschuss ("Arbitration Panel") anrufe. Letzteres würde eine erneute, sofortige vorläufige Suspendierung des Schwaben nach sich ziehen.
Allerdings dauert dieses Verfahren so lange, dass es keinen Einfluss mehr auf einen Start Baumanns in Nürnberg hätte. Der "Schwarze Peter" läge bei Meetingdirektor Franz, der nach Prokops Ansicht Baumann auch den Start verweigern könnte, weil "Nürnberg ein Einladungssportfest ist und nur Eingeladene starten dürfen". So weit will Franz aber - auch aus Sorge vor möglichen Schadensersatzforderungen, "wenn sich Dieters Unschuld herausstellt" - nicht gehen.
Franz steht auch deshalb bei seiner Entscheidung im Blickpunkt, weil er als Direktor der German Meetings die deutschen Kollegen harsch kritisiert hatte, die die Doping-Verdächtigen Merlene Ottey (Jamaika) und Dennis Mitchell (USA) eingeladen hatten. Beide Fälle sind ähnlich gelagert wie das Baumann-Verfahren: Die nationalen Verbände hatten sie freigesprochen, die IAAF beide Athleten daraufhin wieder suspendiert.
Zu den Kritikern eines Baumanns-Freispruchs zählt Fritz Sörgel. Der Leiter des Biomedizinischen Instituts in Nürnberg, einer der maßgeblichen Gutachter in der Baumann-Affäre, stellt die Kintz-Untersuchung stark in Frage: "Es gibt doch gar keine Grenzwerte, die herangezogen werden können. Für mich haben seine Untersuchungen keine Relevanz."