Doping-Debatte: "Der Radsport ist systematisch verseucht" - DER SPIEGEL
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Doping-Debatte "Der Radsport ist systematisch verseucht"

Sportbetrug muss als Straftat verfolgt werden: Das fordert Rechtsexperte Jens Adolphsen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE kritisiert er, das geplante Anti-Doping-Gesetz greife zu kurz - und verlangt von Athleten, endlich gegen Kollegen und Trainer auszusagen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Vorschlag einer Amnestie für öffentlich reuige Dopingsünder?

Adolphsen: Die Taten derer, die unlängst gestanden haben, sind eh längst verjährt und werden weder vom Staat noch von den Verbänden sanktioniert. Wir müssen aktive Sportler animieren, auszupacken. Auch solche, die selbst nicht dopen, aber wissen, wer es tut. Vorbild ist hier die junge, erfolgreiche Leichtathletin Ann Kathrin Elbe, die ihren Trainer Thomas Springstein anzeigte. Solche Sportler brauchen wir. Das müssen wir fördern.

SPIEGEL ONLINE: Aber aktive Sportler müssten für ihr Outing doch mit Folgen rechnen?

Adolphsen: Nein, der Eigengebrauch von Dopingmitteln in Deutschland ist nach wie vor straffrei. Die Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz betreffen Ärzte und Betreuer. Und sportrechtlich würde ich für solche Sportler, die mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit gehen, die Anwendung der Kronzeugenregelung begrüßen. Bert Dietz und die, die ihm nachgefolgt sind, sind sicher keine Helden, aber sie haben Rückgrat bewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Herrscht nicht unter vielen Sportlern ein Korpsgeist, gerade bei Radfahrern?

Adolphsen: Ja, gerade der Radsport ist von diesem Geist beseelt. Damit muss Schluss sein. Es gibt ja Radsportler, die öffentlich als Nicht-Dopende Flagge gezeigt haben. Nun müssen sie endlich Farbe bekennen und sagen, wer dopt. Nur so kann der Radsport Vertrauen zurückgewinnen. Momentan ist er nämlich dabei, komplett - und zu Recht - auseinanderzubrechen. Er ist vom Doping systematisch verseucht. So ist er auch nicht mehr vermarktbar. Ich persönlich habe keine Lust mehr auf die Tour de France.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung haben die Geständnisse für die Doping-Diskussion im Radsport?

Adolphsen: Das ist keine plötzliche, sondern eine lineare Entwicklung von Aufdeckungen und Geständnissen, die nun erstmals einen Höhepunkt erreicht, der nicht der letzte sein wird. Mal sehen, was das spanische Verfahren noch ans Licht bringt. Und: Noch hat sich Jan Ullrich nicht geäußert.

SPIEGEL ONLINE: Brauchen wir schärfere Anti-Doping-Gesetze?

Adolphsen: Wir brauchen ein strafrechtliches Instrumentarium. Trotz mancher Gegenstimme halte ich dies für verfassungsgemäß und für angemessen. Dem Anti-Doping-Kampf würde es helfen. Denn Ergebnisse wurden dort erzielt, wo der Staat mitgewirkt hat. Für einen Sportler macht es schon einen Unterschied, ob vor seiner Tür ein Verbandsermittler oder ein Staatsanwalt steht.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll ein solcher Straftatbestand aussehen?

Adolphsen: Wir müssen den Sportler bestrafen, der im Sport betrügt. Und diesen Sportbetrug müssen wir strafrechtlich ahnden. Der Gesetzgeber blendet dies bislang aus. Dopingsünder werden noch zu sehr als Opfer gesehen. Sie sind aber Täter. Wie sagt der Volksmund? Die machen den Sport kaputt. Nicht über Umwege wie das Arzneimittelgesetz muss Doping sanktioniert werden. Wir brauchen ein Rechtsgut: die Ethik im Sport. Das mag juristisch der schwierigere Weg sein, aber es ist der ehrlichere.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strafen schweben ihnen vor?

Adolphsen: Sie müssen an geltende Betrugsdelikte angelehnt werden. Wobei es nicht um harte Gefängnisstrafen geht. Ein Sportler, der ins Visier der Staatsanwaltschaft gerät und womöglich angeklagt wird - das selbst wäre eine Sanktion, eine Stigmatisierung. Alleine die Drohung damit würde bei vielen schon ein Umdenken bewirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Adolphsen: Bei den staatlichen Sanktionen hinken wir anderen Ländern wie Italien oder Frankreich etwas hinterher. Schweden bestraft etwa den Besitz von Anabolika.

SPIEGEL ONLINE: Könnte das Strafrecht die Lösung aller Dopingprobleme bringen?

Adolphsen: Gewiss nicht, Strafrecht ist kein Allheilmittel. Wenn man die Anforderungen im Sport zu hoch schraubt, fördert man Doping. Wenn man bei der Tour de France mehrere Berge der höchsten Kategorie hat, dann darf man sich nicht wundern. Zunächst müssen Strecken gekürzt, der Anspruch reduziert werden. Vielleicht ist im Radsport nur über langfristige Maßnahmen der Prävention eine Lösung möglich. Das betrifft dann aber wohl erst die nächste Generation von Radsportlern.

Interview: Stefan Säemann

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