Doping-Experte Thevis "Das überrascht mich nicht"
SPIEGEL ONLINE: Herr Thevis, etwa 20 deutsche Langläufer und Biathleten sollen in Wien ihr Blut "aufgepeppelt" haben. Überrascht Sie diese Meldung?
Thevis: Nein. In diesen Sportarten ist zuvorderst die Ausdauer leistungsbestimmend. Damit gehört sie zu den Risikosportarten, wenn es um Doping-Missbrauch geht. Natürlich sind dann solche Vorgänge wie Blutdoping nicht ausgeschlossen.
SPIEGEL ONLINE: Die verdächtigte Firma "Human Plasma" in Wien bestreitet, Blut überhaupt manipulieren zu können. Ist das für ein Blutlabor überhaupt glaubwürdig?
Thevis: Blutlagerung, wie sie in diesem Labor im Tagesgeschäft betrieben wird, und Blutdoping sind zwei verschiedene Vorgänge. Normalerweise lagert diese Firma Blut vermutlich maximal über 40 Tage. Bei Blutdoping ist der Zeitraum ungleich länger. Natürlich schließt das Eine nicht das Andere aus. Genauso kann man aber auch vom Einen nicht auf das Andere schließen. Ein Zentrifuge, wie sie diese Firma besitzen soll, reicht auch nicht für Blutdoping aus. Beweisen könnte man die Möglichkeiten nur durch eine Begehung.
SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie Blutdoping überhaupt beweisen?
Thevis: Für Fremdblutdoping gibt es Nachweismöglichkeiten. Für Eigenblutdoping, wovon in diesem Fall die Rede ist, haben wir verschiedene Ansätze, deren Durchführung allerdings bisher nicht für eine Bestrafung ausreicht. Es gibt für Eigenblutdoping derzeit keine Testmöglichkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Ist Blutdoping somit ohne Risiko für die Sportler?
Thevis: Nein. Ein Risiko bezüglich Doping-Kontrollen und damit zusammenhängenden Sanktionen ist zur Zeit das geringere Problem des dopenden Sportlers, aber gesundheitliche Risiken wie das Hyperviskositäts-Syndrom (verringertes Fließvermögen des Blutes, d Red.), Entzündungen der Venen oder bakterielle Infektionen sind nicht auszuschließen.
SPIEGEL ONLINE: Die Internationale Biathlon-Union will die Blutgrenzwerte nun abschaffen. Was halten Sie davon?
Thevis: Eine bloße Abschaffung wäre ein Fehler. Sollten sie jedoch durch individuelle Grenzwerte ersetzt werden oder in einer sinnvollen Kombination mit solchen zur Geltung kommen, wäre dies der richtige Weg. Dazu müssten jedoch Blutprofile der einzelnen Athleten angelegt und die Bearbeitung wissenschaftlich fundiert durchgeführt werden. Die Folge wären viel engere Spielräume, in denen sich die Werte bewegen dürften - allerdings auf den einzelnen Athleten abgestimmt.
SPIEGEL ONLINE: Würde dies den Nachweis von Blutdoping erleichtern?
Thevis: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit, wie bereits erste Berichte des Schweizer Dopingkontroll-Labors in Lausanne zeigen. Statistische Auswertungen von Blutprofilen, bestehend aus verschiedenen Parametern, erlauben eine sehr aussagekräftige Analytik und werden in mittelbarer Zukunft auch eine wertvolle Ergänzung im Anti-Doping-Kampf sein.
Das Interview führte Frieder Pfeiffer