Doping im Radsport: Eine Radlänge zum Abgrund - DER SPIEGEL
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Doping im Radsport Eine Radlänge zum Abgrund

Die Doping-Geständnisse der Ex-Radprofis Dietz und Henn sollen erst der Anfang gewesen sein. Das fordern zumindest die Verantwortlichen der deutschen Teams. Die deutschen Sponsoren schließen einen Ausstieg nicht aus. Entscheidend dafür sind die TV-Sender - die wollen jedoch weitermachen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das T-Mobile Team ist für uns ein ideales Vehikel, die Attribute unserer Marke emotional aufzuladen." Die Worte des früheren Marketing-Vorstand von T-Mobile International, Ulli Gritzuhn, haben inzwischen ein völlig neue Bedeutung erhalten. Der Name T-Mobile steht in diesen Tagen zwar für Aufregung. Doch nicht durch Erfolge ihrer Sprinter und Bergfahrer. Die direkte Verbindung der Marke T-Mobile zu Doping im Sport und damit zum Betrug, kann T-Mobile und dem Mutterkonzern Telekom nicht recht sein.

"Unter den neuesten Enwicklungen leidet das Image des Radsports schon sehr stark", sagt Stephan Schröder, Mitglied der Geschäftsführung des Sponsorenberaters Sport und Markt. Man müsse sich als Werbender fragen, ob das alles noch Sinn mache. Interessierte Teamsponsoren sollten derzeit möglichst die "Finger vom Radsport lassen", so Schröder zu SPIEGEL ONLINE.

Seit 1991 engagiert sich die Deutsche Telekom im Profi-Radsport - inzwischen mit rund zwölf Millionen Euro jährlich. So turbulent und wenig sportlich wie in diesen Wochen waren die Zeiten seither noch nie. Erst trat der ehemalige Masseur Jef D'hont im SPIEGEL mit Vorwüfen an die Öffentlichkeit, im Team Telekom sei Mitte der neunziger Jahre systematisch mit Epo gedopt worden. Dann gaben zwei frühere Profis, Bert Dietz und Christian Henn, zu, jahrelang gedopt zu haben. Und über allem schwebt immer noch der Name Jan Ullrich, der verdächtig viel Blut im Labor des spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes gelagert hatte.

Die hohe Zahl unangenehmer Schlagzeilen hat den Telekommunikationskonzern sensibilisiert. "Man hat in der Vergangenheit sicher Fehler gemacht und hätte vielleicht aktiver werden müssen", sagt T-Mobile-Sprecher Christian Frommert. Der "neue Weg" erlaube nun keine weiteren Rückschläge mehr: "Sollten neue Dopingverstöße, das aktuelle Team betreffend, auftauchen, steht unser Engagement natürlich auf dem Prüfstein." Im Klartext: Die Bewährungsfrist ist abgelaufen, der Radsport ist zumindest in Deutschland nur noch eine Radlänge vom Abgrund entfernt.

Stefan Althoff, Leiter Konzernsponsoring bei der Deutschen Telekom, hatte zuvor in der "Süddeutschen Zeitung" gefordert, dass Konsequenzen zu ziehen seien, wenn der Sport "nicht sauber zu bekommen" ist. Frommert bestätigte dies im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Das ist genau unsere Linie."

Auch bei Team Gerolsteiner, dem zweiten deutschen Rennstall aus der Reihe der großen Radsport-Equipes, muss man sich derzeit mit Dopingvorwürfen auseinandersetzen. Ex-Profi Henn, seit sieben Jahren als Sportlicher Leiter im Rennstall angestellt, hat mit seinem Geständnis über seine Telekom-Zeit die Frage aufgeworfen, wie mit Radsportlern umgegangen werden soll, die sich zu ihrer Dopingvergangenheit bekennen.

Für Teamchef Hans-Michael Holczer ist die Sache im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE klar: "Er hat sieben Jahre einen einwandfreien Job gemacht." Konsequenzen habe Henn deshalb nicht zu befürchten. Vielmehr hofft Holczer auf weitere Geständnisse: "Ich glaube, jetzt haben wir einen Dammbruch", sagte der 53-Jährige dem Fernsehsender N24. Auch der Geldgeber ermuntert die Radprofis zu geständnissen: "Wir sehen die Möglichkeit, die Tür zu öffnen für weitere Geständnisse", sagt Unternehmenssprecher Stefan Göbel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wird der Name Gerolsteiner also bald noch öfter in Verbindung mit Doping in den Medien auftauchen?

In Christian Wegmann und Reimund Dietzen arbeiten zwei weitere ehemalige Radfahrer für das Team, die während ihrer aktiven Zeit mit Doping in Verbindung gebracht wurden. Und auch wenn eine Flut von Doping-Beichten für den Mineralquellen-Konzern, der jährlich geschätzte 8,5 Millionen Euro investiert, sicherlich kein prickelndes Erlebnis darstellt, werden die Geständnisse nach außen hin dennoch begrüßt ("hervorragende Leistung für den Radsport", so Göbel).

Nichtsdestotrotz überdenkt der Konzern sein Engagement im Radsport. "Im August werden wir uns zusammensetzen und eine Entscheidung über die Zeit nach 2008 treffen", so Göbel. Für Gerolsteiner zählt dabei die Tour de France im Juli. Sie ist laut dem Sprecher der Gradmesser für die Wahrnehmung des Sports in der Öffentlichkeit. Es ist das alte Lied: Einschaltquoten für Sponsorengelder.

Auch deshalb fordert Peter Danckert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Rückzug der öffentlich-rechtlichen Sender aus der Radsport-Berichterstattung. "Es ist Zeit zu zeigen, dass nicht alles akzeptiert wird", so der Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Der Sport reagiere erst, wenn nicht mehr übertragen werde. "Es kann nicht sein, dass der Gebührenzahler sein Geld für die Übertragung eines verseuchten Sports ausgibt." Danckert würde es mit Blick auf die Sponsoren begrüßen, wenn auch sie sich "mehr als bisher" Gedanken machen würden.

Und Werner Franke ergänzt: "Solange so viel Geld im Radsport steckt, lohnt sich für die Fahrer alles", so der Dopingexperte zu SPIEGEL ONLINE, "es ist einfach zu attraktiv". Franke fragt sich: "Warum muss das alles übertragen werden?"

Die Frage kann er ARD-Programmdirektor Günter Struve und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender stellen. Die erklärten heute vor dem Sportausschuss des Bundestags in Berlin, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen trotz der Dopingaffären an der Radsport-Berichterstattung festhält.

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