Doping-Prozess "Ich finde es zum Kotzen"
Berlin - Im Top-Prozess um das systematische Doping im DDR-Sport hat die Aussage des angeklagten Mediziners Manfred Höppner einen Sturm der Entrüstung bei den Opfern hervorgerufen. Der Leiter der Arbeitsgruppe "Unterstützende Mittel" und stellvertretende Chef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR hatte dabei einen Verstoß gegen damalige Gesetze bestritten. "Die Förderung und medizinische Unterstützung im Hochleistungssport widersprach nicht den rechtlichen Bestimmungen der DDR", sagte Höppner zum Auftakt des zweiten Prozesstages vor dem Berliner Landgericht.
"Als Märchenstunde und Taschenspielertricks", bezeichnete die frühere Sprinterin Ines Geipel die Aussage des Chef-Mediziners. "Seine Worte zeugen davon, dass Höppner nicht in der Lage ist, sich zu historischen Wahrheiten zu bekennen", fügte sie hinzu. Noch empörter gab sich die Dresdner Schwimmerin Catherine Menschner, die gleichfalls als Nebenklägerin im Prozess fungiert. "Ich finde es zum Kotzen. Der will uns einreden, wir wären vielleicht noch kranker, wenn wir nicht gedopt hätten", schimpfte sie.
Höppner hatte erklärt, er habe keine Körperverletzung angestrebt. Sein persönliches Motto sei gewesen: "Die gesundheitliche Sicherheit geht vor Goldmedaillen." Diese Bemerkung löste im Prozess-Saal einige Unruhe auf der Bank der Nebenkläger aus. Weiter sagte der 66-Jährige in der schriftlich vorbereiteten Erklärung: "Ich bin mir absolut sicher, dass sich bei der großen Mehrzahl der Sportler die sachgerechte Anwendung von unterstützenden Mitteln bewährt hat." Er selbst habe sich dafür eingesetzt, die Zahl der "Anwendungen" zu verringern und sei deshalb teilweise als "Bremser" bezeichnet worden. Er bedauere, dass es ihm nicht gelungen sei, Unheil von allen Sportlern abzuwenden. "Ich bitte die von Unheil betroffenen Sportler, meine Entschuldigung dafür anzunehmen."
Diese Entschuldigung wurde von den Sportlerinnen jedoch nicht akzeptiert. "Es ist eine Frechheit zu behaupten, er wollte das kontrollieren, was wir angeblich unkontrolliert genommen hätten", entrüstete sich die frühere Berliner Schwimmerin Karen König. Für sie seien die Äußerungen von Höppner eine "Fortschreibung zynischer DDR- Rhetorik" gewesen, meinte Ines Geipel. "Die Menschen waren für die da oben doch nichts anderes als Material. Ich kann diese Entschuldigung nicht anerkennen. Ich bekomme da eher einen Wutanfall", fügte sie hinzu.
Sie regte an, einen Fonds für durch Doping extrem geschädigte Sportler und deren behinderte Kinder ins Leben zu rufen. "Es gab mehr als 10.000 gedopte Sportler in der DDR, es gab Todesfälle und schwerste Erkrankungen - diese Wahrheiten müssen endlich ans Tageslicht", meinte Ines Geipel. Hingegen erklärte Catherine Menschner: "Ich weiß nicht, ob ich ihn über den Tisch ziehen soll oder ob ich mich bei ihm bedanke, dass sich endlich mal einer öffentlich für seine Taten entschuldigt."
Höppner muss sich im wichtigsten Prozess zum DDR-Doping gemeinsam mit dem langjährigen DDR-Sportchef Manfred Ewald verantworten. Ewald hatte zu Prozessbeginn am Dienstag erklärt, sich zunächst nicht äußern zu wollen. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Angeklagten Körperverletzung durch Vergabe von Hormonpräparaten an minderjährige Sportlerinnen vor.