Doping-Sumpf Godefroot strampelt in Ullrichs Windschatten
Auf einem Auge müsse er schon blind gewesen sein, hat Bjarne Riis über Walter Godefroot gehöhnt. Was der Toursieger von 1996 damit sagen wollte: Wenn Godefroot, der damalige Teamchef des Teams Telekom, in den Epo-Neunzigern mit offenen Augen durch das Teamhotel spaziert ist, dann müsse er einiges von dem mitbekommen haben, was mehrere frühere Telekom-Profis, -Ärzte und der Masseur Jef D'hont in den letzten Wochen gestanden haben. Nämlich systematisches Epo-Doping in jenem Rennstall, für den er die Verantwortung trug.
Walter Godefroot während der Pressekonferenz: Kein Geld für Doping
Foto: DPAGodefroot hat heute während seines Auftritts vor der Presse im belgischen Gent die Aussagen seines früheren Spitzenfahrers nicht wirklich dementiert. Er hat sie auch nicht bestätigt. Der 63-Jährige hat sich im wenig eleganten, aber bewährten Jan-Ullrich-Stil seine Sätze so zusammenkonstruiert, dass er über seine Rolle im Team der gedopten Superstars praktisch nichts sagte. Dank seiner geschickten Wortwahl könnte man Godefroot wohl selbst dann nicht als Lügner bezeichnen, wenn er entgegen seiner Beteuerungen doch am Doping-System beteiligt gewesen sein sollte.
Damit schließt sich der Kreis, der mit Ullrichs längst legendärer Rücktrittskonferenz im Februar dieses Jahres begonnen hatte. Das deutsche Radidol a.D. hatte sich damals mit den Worten zur Wehr gesetzt, er habe nie jemanden betrogen und nie jemandem geschadet. Dass er nie gedopt hat, diesen Ausspruch mied Ullrich wie ein Radprofi das Nagelbrett. Genau so, wie Godefroot heute um die Frage herumformulierte, ob er von Dopingpraktiken im Telekom-Rennstall wusste. So musste er auch keine Namen nennen. Vor allem nicht den Ullrichs. Godefroot gab nur weiter: "Ich habe Doping in unserem Radsport-Team weder organisiert noch finanziert."
Diese Vorwürfe hatte es auch gegeben. Doch ein Geständnis, dass auch er im Dopings-Sumpf steckte, hätte wohl das berufliche Ende Godefroots bedeutet. Im Radsport, in dem Schuldeingeständnisse und gegenseitige Anschuldigungen ähnlich willkommen sind wie ein Hungerast vor dem Anstieg nach Alpe d'Huez, war diese Distanzierung eine zu erwartende Reaktion. Gegen die Beschuldigungen von D'hont , er habe das Doping im Team Telekom damals organisiert, will Godefroot nun vor Gericht vorgehen.
Er wird sich vermutlich gut überlegt haben, welche Folgen eine Klage für ihn haben könnte. Relativ wenige, hat sich Godefroot offenbar ausgerechnet. Also macht er Druck.
Kurzzeitig war der Belgier selbst unter Beschuss geraten, als der frühere Telekom-Profi Bert Dietz seinen Ex-Boss vor zwei Wochen indirekt beschuldigt hatte. Dietz gab in der ARD bekannt, Godefroot sei für die Bezahlung der Dopingmittel zuständig gewesen. Die betreffende Passage im Gespräch mit Reinhold Beckmann wurde jedoch im Nachhinein mit einem Piepton unterlegt. Offenbar aus Angst vor Repressalien. Schon vor der Aufzeichnung hatte Dietz laut SPIEGEL Anrufe und SMS-Botschaften erhalten, die ihn vor der Aussage warnten. Nicht ganz mit Erfolg. Namen blieben draußen, die Sache war jedoch auf dem Tisch und hatte gleich mehrere Doping-Beichten zur Folge. Der Aufschrei war groß, die Folgen sind, wie heute zu sehen, klein.
Godefroots Auftritt zeigt: Die Schweige-Maschinerie der Radsport-Szene funktioniert wieder. Kurz vom Zahnkranz gerutscht, läuft die Kette jetzt wie frisch geschmiert. Giro-Sieger Danilo di Luca wird mit Hilfe der Zeitung "Gazzetta dello sport" (die den Giro sponsert) zum Star Italiens. Erik Zabel fährt wieder und wird gefeiert, Rolf Aldag und Christian Henn bleiben Teamchefs, lediglich über Bjarne Riis empören sich die Organisatoren der Tour de France lautstark, haben sein CSC-Team aber bereits ganz selbstverständlich für die Frankreich-Rundfahrt im Sommer akzeptiert. Genauso wie T-Mobile, Gerolsteiner und Astana.
Dort fungiert Godefroot als Berater. In Alexander Winokurow und Andreas Klöden hat er zwei Anwärter auf den Gewinn der Tour de France in seinen Reihen.