Dopingbekämpfung: "Heiße Luft für die Öffentlichkeit" - DER SPIEGEL
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Dopingbekämpfung "Heiße Luft für die Öffentlichkeit"

Doping regiert den Radsport: Was Jörg Jaksche im SPIEGEL aufdeckte, bekräftigt Dopingexperte Gerhard Treutlein im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Der Präventionsforscher sieht die einzige Chance des Sports im Austausch der handelnden Personen und in einem Umdenken in der Politik.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Jörg Jaksche hat im SPIEGEL den Radsport als Dopingsystem beschrieben, dem keiner entkommt, der Erfolg haben will. Hat Prävention also überhaupt ein Chance?

Fahrerfeld bei den Deutschen Meisterschaften: "Schwache Charaktere"

Fahrerfeld bei den Deutschen Meisterschaften: "Schwache Charaktere"

Foto: DPA

Treutlein: Bei Fahrern, die 25 oder älter sind, sicher nicht. Aber den 15- bis 20-Jährigen, deren Weg im Sport noch nicht fixiert ist, kann noch geholfen werden. Laut einer französischen Studie sagen knapp ein Fünftel der Nachwuchssportler, die dem Systemzwang Doping noch gar nicht unterliegen, ja zu Doping. Man muss davon ausgehen, dass der Anteil der Befürworter in dieser Altersklasse sogar noch höher liegt, es jedoch am Mut zum Bekenntnis fehlt. Diesen Anteil kann die Dopingprävention minimieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Treutlein: Die Nachwuchssportler müssen erkennen, dass nicht nur der Sieg positive Emotionen hervorrufen kann. Wenn sie nicht gewinnen können, darf nicht Doping der einzige Ausweg sein. Wir müssen ihnen Wissen vermitteln und damit die Chance zur Reflexion und zur mündigen Entscheidung geben. Das soziale Umfeld des Athleten spielt dabei natürlich eine große Rolle. Es gibt die Richtung vor: Wenn ein Alpha-Tier in der Trainingsgruppe anfängt, zu dopen, machen das die anderen auch. Wenn der Trainer aktiv Doping bekämpft, sind die Chancen groß, dass seine Schützlinge auch sauber bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt das Gewissen?

Treutlein: Keine, wenn die Athleten in einem Umfeld groß werden, in dem alle betrügen. Da gibt es kein schlechtes Gewissen. Auch der Hinweis auf die Gesundheit hilft nicht. Für Sportler in diesem Alter sind Erfolg, Ansehen und Aussehen wichtiger.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es in Deutschland um die Dopingprävention?

Treutlein: Hier gibt es seit Jahrzehnten leider nicht viel mehr als heiße Luft für die Öffentlichkeit. Eine positive Veränderung zeichnet sich für den Bund deutscher Radfahrer ab. Rudolf Scharping (Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, d. Red) hat in schon Interviews gesagt, er würde mit mir zusammenarbeiten. Allerdings hat er leider noch keinerlei Kontakt mit mir aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Was läuft darüber hinaus falsch?

Treutlein: Sport und Politik konzentrieren sich auf Repression anstatt auf eine Kombination von Prävention und Repression zu setzen. Einzelne Dopingsünder oder Sportarten, wie momentan der Radsport, werden zu Sündenböcken stilisiert. In oft gespielter Empörung werden harte Strafen angekündigt. All das mit dem Zweck, einzelne Athleten als solche mit schwachem Charakter auszumachen, die man ausschließen muss, um dann behaupten zu können, dass die anderen Athleten und Sportarten sauber sind. So werden Einzelne, die erwischt werden, zu Sündenböcken und die Wurzel des Übels, Erwartungen und Strukturen des Sportsystems brauchen dann nicht geändert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt das Problem?

Treutlein: Unter anderem in der Autonomie des organisierten Sports. Der Sport, beziehungsweise seine Führungspersonen in den Verbänden, wollen sich nicht von außen reinreden lassen. Denen wäre es am liebsten, es würde alles einfach so weiter gehen – ohne Doping-Störgeräusche. Gäbe es keine Privatpersonen wie Werner Franke oder Britta Bannenberg, die Klagen gegen vermeintliche Dopingsünder wie Jan Ullrich anstrengen, würde fast nichts passieren. Der Wille fehlt zu oft, wirklich gegen Doping vorzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Wissen ist da?

Treutlein: Natürlich. Dass sich Doping durch den gesamten Spitzensport zieht, wissen wir seit mehreren Jahrzehnten. Das steht in Artikeln und Büchern. Oft werden Fakten auch schnell wieder vergessen, und bei neuen Dopingfällen ist dann die Überraschung groß. Damit der nötige Strukturwandel vollzogen werden kann, bedürfte es eines weitgehenden Austauschs von Trainern und Funktionären.

SPIEGEL ONLINE: Auch von Funktionären in der Politik?

Treutlein: Zum Thema Doping herrscht eine organisierte Unverantwortlichkeit. Der Bund ist für den Spitzensport zuständig, die Länder für den Nachwuchs und für Erziehung. Damit verschwindet die Dopingprävention im Bermuda-Dreieck zwischen Bundesinnenministerium, Länderministerien, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und Nada. Bisher wollte praktisch kaum jemand die Kosten für effektive Prävention aufbringen. Dass es auch anders gehen kann, sieht man beispielsweise in Frankreich: 19 Millionen Euro gibt das dortige Sportministerium für die Dopingbekämpfung aus. Prävention ist im Dopinggesetz vorgeschrieben. Zum Vergleich: Die Nationale Anti-Doping-Agentur in Deutschland hat in diesem Jahr einen Etat von 1,8 Millionen Euro. Nicht umsonst hat Jaksche im SPIEGEL von der Angst der Radprofis gesprochen, in Frankreich erwischt zu werden. Dort wird die Bekämpfung des Dopings von der Politik und großen Teilen des Sports mitgetragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das in der Praxis aus?

Treutlein: Die 24 hauptamtlichen Mitarbeiter des Ministeriums für Jugend und Sport, die in den Regionen für Dopingprävention zuständig sind, haben jeder jeweils über 100.000 Euro für präventive Maßnahmen und Projekte zur Verfügung. Deutschland ist von einer solchen Investition in die Zukunft der jungen Sportler und Sportlerinnen weit entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Politik der entscheidende Faktor in der Dopingbekämpfung?

Treutlein: In jedem Fall ist sie sehr wichtig. Der italienische Dopingforscher Sandro Donati arbeitet derzeit an einem nationalen Präventionsprogramm für die italienische Regierung unter Romano Prodi. 14 Monate hat er dafür veranschlagt, dieses Projekt so zum Laufen zu bringen, dass Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Seine größte Sorge ist, dass in dieser Zeit die Regierung wechselt – in Italien ja keine Seltenheit. Das Vorhaben stünde unter einem neuen Ministerpräsidenten sicher sofort wieder in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Geht die Politik in Deutschland – heute hat der Bundestag eine Verschärfung des Arzneimittelgesetzes beschlossen – den richtigen Weg?

Treutlein: Wichtiger als das Gesetz ist der Wille zur intensiven Bekämpfung von Medikamentenmissbrauch und Doping sowie zu präventiven Maßnahmen. Dennoch fehlt mir in diesem Entwurf der Straftatbestand, wenn Doping finanziellen Schaden anrichtet oder wenn dadurch auch andere Sportler zu Schaden kommen. Nicht ohne Grund sprechen sich inzwischen viele Experten, wie etwa Professor Dieter Rössner (Rechtswissenschaftler an der Uni Marburg, d. Red.) für eine strafrechtliche Bestrafung von dopenden Sportlern aus. Und sehr enttäuschend ist natürlich, dass die Prävention wieder nicht Inhalt des Entwurfes ist. Insgesamt ist das Artikelgesetz nichts Halbes und nichts Ganzes.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer

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