Dopingdiskussion Kampf gegen die Kontrolleure
Dopingproben: Unmut über die strikten Richtlinien
Foto: Patrik Stollarz/ Bongarts/Getty ImagesDer Zeitpunkt der Lüge fiel nicht ohne Grund auf das Fest des Friedens. Am zweiten Weihnachtsfeiertag narrten Mitglieder der Spielergewerkschaften Spin (Basketball) und Goal (Handball) bundesweit die Dopingkontrolleure. Sie gaben nicht wie gefordert die Adresse an, unter der sie für Dopingproben bereitstanden. Vielmehr notierten sie auf dem Meldebogen die Anschrift ihrer Organisationen.
"Weihnachten ist eine besinnliche Zeit. Klar haben wir das deshalb an dem Tag gemacht", sagt Spin-Generalsekretär Jonas Bär-Hoffmann. 20 Basketballer aus dem Nationalkader hätten auf Gewerkschaftsinitiative hin die korrekte Auskunft über ihren Aufenthaltsort verweigert. Stimmt nicht, sagt Berthold Mertes, Sprecher der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Weniger als zehn Basketballer hätten sich an dem Protest beteiligt. "Das zeigt uns erneut: Die breite Athletenschaft unterstützt unser Meldesystem", so Mertes.
Die Diskussion verdeutlicht: Frieden war gestern. Oder besser: Frieden war nie. Und mittlerweile sind die Fronten verhärtet, die Zeichen stehen auf Konflikt.
Kritik an der Nada
Streitthema ist das Meldesystem der Nada. Es sei inakzeptabel, sagt Bär-Hoffmann. Es sei bei fast allen akzeptiert, behauptet Mertes. Es sei vor allem verbesserungswürdig, sagt Deutschlands oberster Datenschützer Peter Schaar.
Es war und ist auf jeden Fall ein Fortschritt im Kampf gegen Doping.
Vor fast exakt zwei Jahren wurde das weltweit gültige Meldesystem eingeführt. Leistungssportler, derzeit rund 700 deutsche Athleten aus dem sogenannten Registered Test Pool (RTP), müssen seither für ein Vierteljahr über das Internetmeldesystem Adams für jeden Tag im Voraus ihren Aufenthaltsort bekanntgeben. Einzelsportler müssen für eine Stunde am Tag an dem zuvor festgelegten Zeitpunkt für Kontrollen bereitstehen. Wer drei Mal binnen 18 Monaten einen Test verpasst, kann bis zu zwei Jahre gesperrt werden.
Wenige Wochen nach Inkrafttreten des Systems äußerten einige Sportler Unmut über die strikten Richtlinien. Mehrere sprachen von Gängelung, manch einer verglich das Adams-System gar mit einer Art elektronischer Fußfessel. Sie fühle sich "wie eine Gefangene", sagte etwa Degenfechterin Imke Duplitzer. Landesdatenschützer kritisierten das System von Beginn an als Angriff auf die Persönlichkeitsrechte der Sportler. Die Nada verteidigte den Schritt. Nur durch ein verschärftes Meldesystem werde das Kontrollnetz enger geknüpft, könne man den Kampf gegen Doping ernsthaft angehen.
Die Fragen, die sich damals stellten und nun erneut hitzig erörtert werden: Rechtfertigt die Suche nach einem halbwegs sauberen Sport die Abgabe großer persönlicher Freiheiten? Und ist das derzeitige System das bestmögliche zur Jagd auf Dopingsünder?
Zwei kleine, bisher eher unbekannte Spielergewerkschaften haben diese Fragen jetzt mit nein beantwortet. Doch so unkoordiniert und aufmerksamkeitsheischend ihr Weihnachtsprotest wirkte - in der Sache ist man überzeugt. Mit Daten werde zu leichtfertig umgegangen, sagt Bär-Hoffmann. Die Klagen der Sportler würden nicht ernst genommen, so der Spin-Generalsekretär, ein Beschwerdesystem müsse her. "Ich weiß von Fällen, in denen Kontrolleure dem Sportler sagten: 'Dich kriegen wir auch noch'."
"Es gibt offensichtlich Unzufriedenheit"
Hierzulande werde zudem sehr streng eingestuft, so Bär-Hoffmann. Deutsche Amateursportler müssten sich massiven Kontrollen unterziehen, während ausländische Nationalspieler verschont blieben. Seine Forderung: Sportler müssen Mitspracherecht erhalten. Es muss mehr Geld in die Forschung gehen, damit effektiver und auch seltener getestet werden kann. Eine echte Alternative hat aber auch Bär-Hoffmann nicht parat. Fest steht für ihn nur: "Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht."
Ähnlich sieht es der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. Er äußert auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE "großes Verständnis" für den Kontrollboykott der Ballsportler: "Dass so heiß über das Thema diskutiert wird, zeigt: Es gibt offensichtlich Unzufriedenheit." Der Eingriff ins Persönlichkeitsrecht sei weitreichend, daher müsse über effektivere Kontrollmethoden und die Größe der erfassten Sportlergruppen geredet werden. "Es geht nicht um die Alternative Datenschutz oder Dopingbekämpfung, sondern um die Frage: Wie können Datenschutzrechte im Dopingkampf beachtet werden?"
Nada-Sprecher Mertes kann die Kritik am Meldesystem nur bedingt nachvollziehen. Kein Verständnis hat er für den Vorwurf der Gewerkschaften, man stelle sich taub für Verbesserungsvorschläge. "Wir sagen ja nicht, dass kein Gesprächsbedarf herrscht. Aber bisher kam keine Anfrage." Andererseits ist für Mertes klar: Die Nada ist nicht nur auf der richtigen Seite. Sie ist auch auf einem guten Weg. Erst im Oktober hätte es ein Treffen zwischen Aktiven im DOSB-Beirat und Vertretern 30 nationaler Verbände gegeben, bei dem hohe Bereitschaft zum bestehenden Meldesystem erkennbar gewesen sei. Er wisse um die Belastung der Athleten, so Mertes. Aber wenn man sinnvoll testen wolle, ginge es nicht ohne strenges Meldesystem. "Außerdem hat Deutschland die Unesco-Konvention gegen Doping im Sport unterzeichnet. Das ist völkerrechtlich bindend."
Seltsam ist, dass jetzt die Mannschaftssportler gegen die bestehende Regelung aufbegehrten. Zwar unterliegen auch sie dem strengen Meldesystem. Im Unterschied zu Einzelsportlern gilt die Ein-Stunden-Regelung für sie jedoch nicht.
Dieser Protest, teilte die Gewerkschaft mit, sollte lediglich ein Symbol sein. Es war gewiss keines des Friedens.