Dopingfall Kraft Deutscher Triathlon im Schockzustand
Hamburg - "Es ist nur natürlich, dass die Leute ein Ventil brauchen, aber wüste Beschimpfungen, Beleidigungen und sogar Drohungen führen an der Sache vorbei. Ich habe mich deshalb entschlossen, das Gästebuch vorübergehend zu schließen", ließ Nina Kraft auf ihrer Internetseite mitteilen.
Für die 35-Jährige wird die drohende zweijährige Sperre vermutlich das Ende der Karriere sein. Sie hatte die Einnahme des Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) gegenüber dem Präsidenten der Deutschen Triathlon Union, Klaus Müller-Ott, zugegeben und auf die Öffnung der B-Probe verzichtet. Damit werden der erste Triumph einer Deutschen im Oktober auf Hawaii und der erste deutsche Doppelsieg aus den Rekordbüchern gestrichen. Zur Siegerin wird die Schweizerin Natascha Badman erklärt, die auf Hawaii bereits viermal gewann.
"Ich habe manipuliert, ich habe Mist gebaut", sagte Kraft am Donnerstag in einem TV-Interview mit dem Hessischen Rundfunk, "ich habe Epo eingenommen und dazu stehe ich auch. Der Fehler ist nicht wieder gutzumachen. Viele Menschen werden mir nicht verzeihen. Aber ich werde alle Konsequenzen tragen."
Dreiwöchige Epokur
Im Fernsehen verriet Kraft sogar Details, wie sie gedopt hatte. "Ich habe die Kur drei Wochen gemacht und das dann fünf Tage vor dem Rennen abgesetzt", gab sie zu. Von wem sie die Mittel erhalten habe, wollte sie jedoch nicht verraten: "Ich werde keine anderen Personen mit hineinziehen." Zum Doping verleitet hatte sie wohl ihre schmerzliche Niederlage 2003. "Letztes Jahr hätte ich normalerweise gewonnen, aber wegen einer Zeitstrafe ist das nicht gelungen. Das hat mir das Herz rausgerissen. Mein Freund überredete mich, weiterzumachen. Es ist total falsch gewesen, kann aber nicht mehr rückgängig gemacht werden", sagte sie.
Der Skandal wird Kraft auch finanziell teuer zu stehen kommen. Neben der entfallenen Siegprämie von 100.000 Euro muss sie um ihre Sponsorenverträge fürchten. "Die Sponsoren wollen ihre Gelder zurückhaben", bekannte sie. Die Geschäftsleitung des fränkischen Herstellers von Nahrungsergänzungsmitteln Cadion, einer der Hauptsponsoren Krafts, hat bereits angekündigt, dass eine weitere Zusammenarbeit mit der Athletin keinen Sinn mehr machen würde.
Bestürzte Kollegen
Krafts Kollegen reagierten bestürzt auf die Nachricht. "Ich bin schwer enttäuscht von ihr", sagte Hawaii-Sieger Norman Stadler in einem "Sport1"-Interview: "Erst ist das Größte passiert, was passieren kann, und jetzt kommt der Hammer hinterher." Auch der fünfmalige Roth-Gewinner Lothar Leder zeigte sich erschüttert. "Die Karre steckt im Dreck. In der Breite boomt unsere Sportart, in der Spitze sorgt sie für Skandale. Das schadet uns allen", sagte Leder, dessen Frau Nicole durch Dopingfall Kraft in den Hawaii-Ergebnissen auf Rang zehn vorrückt.
Einen Tag nach dem größten Dopingskandal ihrer Geschichte forderte die DTU unterdessen schärfere Kontrollen bei den Langstrecklern. "Es darf nicht noch mehr Schatten auf unsere Sportart fallen. Die Athleten müssen spätestens jetzt Verantwortung zeigen. Sie müssen zu freiwilligen Tests bereit sein, um jeglichen Zweifel von vornherein auszuräumen", sagte DTU-Sportdirektor Rolf Ebeling.
Bislang unterliegen die Athleten allein über die olympische Distanz dem Kontrollsystem der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada). "Die Langstreckler gehören nicht unseren Nationalkadern an und entziehen sich damit den engmaschigen Tests. Das muss sich ändern", sagte Müller-Ott. Nur wenige "Ironmen" wie Thomas Hellriegel (Bruchsal), der 1997 als erster Deutscher auf Hawaii gewann, oder der diesjährige Hawaii-Dritte Faris Al-Sultan aus München unterziehen sich freiwilligen Kontrollen.